Samstag, 23. März 2019

Allen Veränderungen, selbst jenen, die wir ersehnt haben, haftet etwas Melancholisches an; denn wir lassen einen Teil von uns selbst zurück. - Anatole France



Lebensräume im Wandel

Athen. Die letzten Jahre versunken in der wirtschaftlichen Krise, befindet sich diese Stadt nun schon seit geraumer Zeit in einer ständigen und sehr wechselhaften Phase der Erneuerung.

 Wenn man nicht direkt im Athener Zentrum wohnt, sondern in weiter entfernten Stadtteilen und dort seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt hat, sind diese Wandlungen nicht ständig erspürbar, aber umso mehr sichtbar, wenn man eben nur sporadisch ins Stadtzentrum kommt.

Dann geht man staunend durch die Straßen des Zentrums, wundert sich über all das Neue - und vor allem über all das verschwundene Alte!
Da kann es schon passieren, daß man auf einmal den Laden nicht mehr vorfindet, in dem man seit über 20 Jahren Stoffe für die Werkstatt eingekauft hat, weil aus ihm ein Cafe geworden ist. Und der große Papierladen, in dem man oft Materialien für die Werkstatt eingekauft hat, ist plötzlich zu einer Taverne mutiert... Aber auch Positives geschieht: Eine enge Straße, durch die sich einst der Verkehr gequält hat, ist plötzlich eine kleine Fußgängerzone geworden.


So ergeht es mir in den letzten paar Jahren ständig. Ehemals (vor der Krise) quirlige Einkaufsstraßen sind verwaist. Noch immer schließen viele Läden, nicht nur, weil die Krise ihre Opfer gefordert hat (und weiter fordert), sondern auch, weil das neue verbreitete politische Wunsch-Credo „es geht wieder aufwärts“ die Mieten im Zentrum wieder ansteigen lässt; damit muss aber so manch kleiner Unternehmer, der die Krise mit Hängen und Würgen bisher durchgehalten hatte, jetzt doch noch die Flinte ins Korn werfen.

  
Als ich vor bald 25 Jahren nach Athen zog, war die Stadt so ganz anders als all die anderen Großstädte, die ich bisher gesehen hatte. Hier war eine Kraft, eine Lebendigkeit zu spüren, wie ich sie aus deutschen Großstädten nicht kannte. Zudem wirkte Athen damals fast noch etwas „orientalisch“ auf mich. All die alten Läden, die Märkte, die Straßen, die - mittelalterlichen Zünften gleich - in bestimmte Warenangebote „aufgeteilt“ waren. Man wusste genau: In dieser Straße befinden sich die Materialien für die Ledermanufakturen, für die Olivenölherstellung, für die Buchbindereien, für die Nähereien; in jener Straße finde ich all die Werkzeughändler, Haushaltswaren-  oder Gewürzhändler...
Klägliche Reste dieses so mitreißenden, lebendigen Athener Geschäftslebens existieren stellenweise auch heute noch - aber wie lange noch angesichts dieses rasanten Wechsels? Wann werden auch diese „letzten Mohikaner“ definitiv verschwunden sein?


Heute sieht und spürt man, dass die jüngere Generation das Zepter übernimmt – was keine schlechte Sache ist!  Neue Ideen und Konzepte müssen her. So gut, so richtig, so witzig, so innovativ, so auf- und anregend die Verjüngung dieser Stadt ist, so traurig bin ich aber gleichzeitig über all das Verlorengehende.
Und am traurigsten ist für mich diese Entwicklung, wenn ich sehe, was aus den ehemals so urigen und typisch griechischen Geschäften geworden ist: Viele Läden wurden von internationalen Ketten oder chinesischen Billighändlern übernommen, denn nur noch sie können die teilweise horrenden Mieten bezahlen.


Darüberhinaus wird das Athener Zentrum in letzter Zeit mmer mehr von Gastronomiebetrieben überschwemmt. Es gibt ganze Straßenzüge voller Cafes, Tavernen und voller „Streetfood“, wie das heute genannt wird.


Kulinarisch kommt der Athen-Besucher auf jeden Fall auf seine Kosten. Die Grundidee auch dahinter: Das Zentrum vor allem für den Kurzzeitbesucher attraktiver zu machen. Kein Tourist soll sich Sorgen machen, nach einem anstrengenden Akropolis-Besuch vor Hunger umzufallen. Das musste er früher natürlich auch nicht, aber heute heißt es: Was darf es denn sein bitte? Typisch griechische Souvlaki? Vegetarisches oder gar Veganes? Oder Meeresfrüchte in kleinen Portionen, serviert in den neuerdings so angesagten Papiertüten „on the go“?


Die Stadt gibt sich redlich Mühe – und das ist auch gut so. Sie will endlich im 21. Jahrhundert ankommen! Es gibt viele interessante Initiativen zur Verschönerung der Athener Innenstadt. Mit Recht braucht Athen diese längst überfällige Erneuerung, besteht Griechenland doch nicht nur aus Inseln, die nur im Sommer Saison haben. Athen muss tatsächlich attraktiver werden für den ganzjährigen Städtetourismus. Es ist erfreulich, wenn die junge Generation nun ihre Ideen einbringt, es ist richtig und wünschenswert – vor allem in einer Stadt, in einem Land, das nun schon viel zu lange zum absolut bedeutungslosen Armenhaus Europas deklariert wurde (und immer noch wird!).

Dennoch bleibt für viele von uns, die schon lange (oder schon immer) hier leben, eine gewisse Wehmut zurück. Wenn ich nachrechne, habe ich in dieser Stadt mittlerweile länger gelebt als sonst irgendwo in meinem bisherigen Leben. Und so bleibt unweigerlich eine ganz persönliche Frage bestehen: Warum muss das Alte dem Neuen denn unweigerlich weichen? Warum kann das Neue nicht neben und dem Alten entstehen, wie zum Beispiel in einer Wohnung, in der modernes Mobiliar sehr gut mit alten Stücken harmonieren kann? Warum muss es unweigerlich ein Entweder-Oder sein? Bewahren und Erneuern – muss dies denn unbedingt ein Widerspruch sein? Natürlich kann - wenn es denn gut läuft - ein Gastronomiebetrieb eine höhere Miete bezahlen als ein einfaches Ladengeschäft. Da kommt dann der schnöde Mammon mit ins Spiel. Aber ich als Bewohner dieser Stadt trauere trotzdem, wenn von z.B. zehn Stoffgeschäften in einer Straße nur noch vier übrig geblieben sind und sich nun ein Cafe ans andere reiht; oder wenn meine Papierhandlung schon längst in die Athener Peripherie ausgewandert ist und für mich nun schlecht zu erreichen ist. Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen. So mutiert ein Stadtzentrum langsam nur noch zur "Bekleidungs- und Gastronomiemeile". Die einstige Vielfalt geht unweigerlich verloren.

Neue Konzepte sind gefragt, schrieb ich oben - aber meiner Meinung nach Konzepte, die integrieren, nicht ausschließen. Warum soll das nicht mehr möglich sein, sei es auch nur, um auch den Bedürfnissen der ständigen Bewohner einer Stadt Rechnung zu tragen und nicht nur jenen des Kurzzeitbesuchers! (Ein Problem, das heute auch andere Großstädte haben!)

Noch steht die schöne, betagte Akropolis – und fügt sich harmonisch in das Neue ein, das seit mehr als 2000 Jahren um sie herum „passiert“ … Mögen sich doch all diese „genialen“ Städteplaner auch darüber mal ihre Gedanken machen!



Aber vielleicht hat ja auch der eingangs erwähnte Anatole France recht, und all diese meine Gedanken sind schlichtweg der Sentimentalität eines typischen „middle agers“ geschuldet. Könnte auch sein…😊😊😊

(Photos: u.a. © Athinorama, Trip Advisor, The pressroom.gr. , Why Athens)




Freitag, 15. März 2019

Nach ewig langer Zeit mal wieder ein Lebenszeichen von mir in meinem Blog, der sträflich vernachlässigt den heutigen Zeiten von Facebook wohl langsam zum Opfer fallen wird.... Dennoch mal wieder auch hier eine Lektüreempfehlung, die mir am Herzen liegt:

Der Schriftsteller Sebastian Lukasser wird von einem alten Freund seiner Familie gebeten, ihn noch einmal kurz vor seinem Tode in Innsbruck zu besuchen. Das Anliegen des über 90jährigen, im Sterben liegenden Carl Jacob Cadoris: Lukasser soll seine Lebensgeschichte, die er ihm in den folgenden Tagen erzählen will, niederschreiben.
Die Lebensgeschichte des Mathematikprofessors Cadoris bleibt immer eng verwoben mit Lukassers eigener Familiengeschichte, war Cadoris doch ein lebenslanger Gönner des Vaters des Chronisten,, Georg Lukasser, einem begnadeten Gitarristen, der es sich einst zur Aufgabe gemacht hatte, „den Jazz nach Wien zu holen“...
In Rückblenden umreißt der Roman die Geschichte des letzten Jahrhunderts, ein Unterfangen, das notwendigerweise eine Auswahl bedingt. In diesem Buch ist es ein Themenkatalog, der unterschiedlicher nicht sein könnte: Der Leser taucht ein in die Geschichte des Jazz, erfährt Erstaunliches über Mathematik ( Jazzfreunde und Mathematiker werden ihre Freude an diesem Buch haben), die Schauplätze wechseln zwischen Europa und Amerika. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird exemplarisch ausgebreitet in den persönlichen Verstrickungen der Protagonisten z.B. mit der deutschen Kolonialgeschichte, mit dem Bau der Atombombe, Russland unter Stalin, der RAF, um nur einige wenige Momente zu nennen. Interessant dabei fand ich, dass es einmal nicht vorrangig um die beiden Weltkriege geht, was man erwarten könnte bei dieser historischen Verankerung des Buches.Der Leser ermüdet nicht, weil die Geschichte der Familien Cadoris und Lukasser nicht linear erzählt wird, sondern immer wieder von der Gegenwart in dem Haus hoch über Innsbruck unterbrochen wird. Und so gesellt sich zur Vergangenheit immer wieder die Gegenwart, die von Leid und Sterben, aber auch neuen Aufbrüchen für den Chronisten erzählt. Im Wechsel der Geschichten, auch in der Spiegelung durch Lukasser selbst und wie er das eine oder andere Erinnerte aus seiner Perspektive als Kind und junger Erwachsener wahrgenommen hatte, macht dann noch einen zusätzlichen Reiz aus. Und so manchmal stellen Chronist und mit ihm der Leser fest: Oft ist nichts so, wie es uns einstmals erschien… Ein vielschichtiges Buch also, das niemals langweilig wird, weil wir in den Rückblenden vor allem Einblicke bekommen in die Brüche und überraschenden Wendungen eines so langen Lebens. Ich kann die Lektüre sehr empfehlen. 

Donnerstag, 29. November 2018

Die Kunst und die Künstler ...

WAS IST NUR LOS MIT UNS?
In den Medien und auch auf Facebook häufen sich Artikel und Diskussionen über die Verworfen- und Verdorbenheit unserer bisher bewunderten Künstler: Pablo Neruda war ein Vergewaltiger, Woody Allen ein Hypokrit, der seine eigene Adoptivtochter ehelichte, Enid Blyton eine erklärte Egoistin und Rabenmutter, Stefan Zweig ein Exhibitionist, Kevin Spacy ein homosexuell Belästiger und der erst vorgestern verstorbene Bernardo Bertolucci gar ein Monstrum, um nur einige Beispiele zu nennen …
Und jeder von ihnen wird neuerdings in den sozialen Medien ausgiebig seziert und laienhaft beurteilt. Kunst und Realität werden zu einem einzigen unseligen Brei vermischt, der Künstler wird seinem Werk sozusagen „entkünstelt“ und auf das banale, persönliche Dasein reduziert ….
Und da stehe ich nun und frage mich, was soll ich mit all den „heroes“ (nicht nur) meiner Jugend jetzt anfangen? Sie etwa nicht mehr anschauen, hören oder lesen? Sie gar ächten, aus meinen Bücherregalen und Videosammlungen entfernen?
Seit wann haben wir begonnen, unsere Künstler nur noch vom vermeintlich unfehlbar moralischen Standpunkt aus zu beurteilen? Woher kommt diese neue, so unsäglich erschütternd moraltriefende Debattenkultur? Ist auch sie etwa schon ein monströser Auswuchs der neuen konservativ-rechtsgerichteten Politkultur? Was uns nicht in unser „auf-rechtes“ Weltbild passt, muss partout degradiert und zu Nichte gemacht werden?
Was mache ich nun mit all den Autoren, Filmemachern und Schauspielern, die ich nach wie vor genial finde? Alles aus einem hypokritisch-realitätsfernen Impetus heraus entsorgen, weil man solche Werke nach heutigem Standard nicht mehr gut finden darf?
Und ich frage mich:
Wer hat uns je versprochen, dass unsere geliebten Künstler „Heilige“, also demnach keine Menschen mit Fehlern und auch Abscheulichkeiten waren? Und ich kann einfach nicht anders: WIE weit sind wir in dieser aktuell stattfindenden Verdammung entfernt von der (uns Deutschen nur allzu geläufigen) Bücherverbrennung und Etikettierung „Entartete Kunst“ ?
Ich jedenfalls mache bei all dem nicht mit! Ich achte den Künstler im Menschen und den Menschen im Künstler - ganz wie ihr wollt!
(Foto:Sebastiao Salgado)

Mittwoch, 7. Februar 2018

AMOUR ... eine Annäherung

„AMOUR“ – Nikos Kessanlis im Zypriotischen Haus Athen
Eine Annäherung.



Das Zypriotische Haus Athen beherbergte bis vor ein paar Tagen eine interessante kleine Ausstelllung mit dem Thema „Amour“. Ausgestellt wurden Fotografien aus dem umfassenden Archiv  des griechischen Künstlers Nikos Kessanlis.
Nikos Kessanlis (1930-2004)  gehört zu den bedeutendsten griechischen Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin Chryssa Romanou (1932-2006), beeinflusste er nicht zuletzt auch als langjähriger Leiter der Akademie der Schönen Künste nachhaltig das künstlerische Schaffen der griechischen Moderne.   
Die Ausstellung beherbergte private Fotografien und auch einige wenige Werke, die die Möglichkeiten der künstlerischen Verfremdung der Fotografie beeindruckend wiedergeben. Ganz auf das übergeordnete Thema bezogen, standen Porträts von Chryssa Romanou oder des Ehepaars Kessanlis-Romanou  im Mittelpunkt.


Landschaften und Städteimpressionen ihrer gemeinsamen Reisen und Aufenthaltsorte erscheinen nur auf den ersten Blick wie touristische Momentaufnahmen;  dennoch sind diese Hintergründe bei genauerem Hinsehen nur Staffage. Erst das Modell Chryssa stellt die Verbindung zwischen dem Hintergrund und dem Auge des Künstlers her. Wie die Kuratorin im Ausstellungskatalog so schön schreibt, verlieren diese Bilder sofort an Charisma und werden quasi „leer“, legt man einen Finger auf die Figur und denkt sich das Modell weg.


Beeindruckend sind die Fotografien auch in ihrer Direktheit, Unmittelbarkeit, Uninszeniertheit. Da ging es nicht um das perfekte Modell, um den inszenierten Moment, wie wir das von gestellten Fotos kennen. Seien wir ehrlich: Wollen wir nicht alle möglichst schön erscheinen im zeitgenössischen Selfie-Wahn, in der Darstellung durch das fotografische Auge und den aktuellen technischen Möglichkeiten der Bildbearbeitung? Aber gerade darum ging es Kessanlis nicht: Ihm ging es vielmehr um das Einfangen des authentischen Moments und des authentischen Menschen vor authentischer Kulisse. Vor allem die in ihrer Ungeschöntheit äußerst privaten Eindrücke der späteren Jahre reflektieren dies. Das künstlerische Auge sucht nicht die oberflächliche Darstellung einer schönen Frau, sondern immer den Menschen hinter der äußeren Fassade, wobei das Modell auf vielen Fotos fast unwillig erscheint, dem Fotografen den Rücken zukehrt, den direkten Blick in die Kamera verweigert.  Wie Amanda Michalopoulou bemerkt, findet in vielen Fotografien beinahe eine Entmystifizierung des Modells statt. Und vielleicht bleibt gerade durch diese Entmystifizierung beim Betrachter fast ein Gefühl von Zärtlichkeit zurück – immer stehen die Liebe des Künstlers und der ungeschönte Blick auf sein Modell im Vordergrund.



 Kessanlis hat während seiner gesamten künstlerischen Karriere mit den Möglichkeiten der künstlerischen Verfremdung von Fotografien experimentiert. Er war dabei durchaus ein Kenner der kunstgeschichtlichen Bedeutung des Mediums; und so findet man besondere Aufnahmewinkel, Verzerrungen, Spiegelungen – ganz in der Tradition der Avantgarde der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, als berühmte Fotografen das Medium neu zu interpretieren und der Malerei anzunähern versuchten.




Aber natürlich machte die Kunst in den folgenden Jahrzehnten nicht dabei Halt. In der technischen Weiterentwicklung versuchten Künstler wie u.a. Andy Warhol oder Gerhart Richter neue hybride Interpretations- und Ausdrucksformen der Fotografie. So gewinnt auch bei Kessanlis ein kleines, auf der ersten Blick unscheinbares Foto in seiner Übertragung auf Holz oder auf Zement auf einmal eine ganz andere Aussagekraft, indem es die Zweidimensionalität des Fotos aufhebt, sie auf strukturhaften Medien aufbricht und dem Foto so eine weitere Dimension hinzufügt.



Am beeindruckendsten für mich persönlich sind Kessanlis  „Phantasmagorien“ – Photographien von bewegten Szenen hinter beleuchteten Leinwänden, die dann mit Emulsion auf Leinwand übertragen wurden. Ein Ausgangsfoto zu dieser Technik ist auch in der Ausstellung zu sehen, und da ich persönlich Kessanlis vor allem auf dem Wege über diese „Phantasmagorien“ zu schätzen gelernt habe, war es eine von mir seltsamerweise vorher nie bedachte Erkenntnis dieser Ausstellung: dass er – natürlich - ein passionierter Fotograf war …



In der Bildbetrachtung stellt sich ja immer die Frage, was muss der Betrachter tatsächlich an Vorwissen mitbringen und was nicht. Jede Ausstellung insbesondere moderner Kunst birgt (meiner Meinung nach) die absolute Freiheit der Rezeption, die nicht unbedingt spezielles kunsthistorisches Wissen voraussetzt. Und genau dies empfinde ich auch immer als das Spannende an moderner und zeitgenössischer Kunst. Die anschließende Podiumsdiskussion mit Kuratoren, Wegbegleitern und Kunstgeschichtlern fügte meinem persönlichen Eindruck viel Hintergrundwissen und durchaus interessante Interpretationsansätze hinzu.
Aber vielleicht brachte es nach diesem anregenden Abend auch mein kunstgeschichtlich gänzlich „unbefleckter“ Begleiter auf den Punkt: „Ich habe nur das Eine gesehen: Er war einfach unsterblich verliebt in diese Frau.“ 
Was kann der Betrachter Schöneres als Erkenntnis mitnehmen von solchen Bildern und einer Ausstellung mit dem Titel „Amour“?

Und wem Nikos Kessanlis bisher kein Begriff war,  der sollte einmal in der Athener Metrostation am Omonia-Platz  kurz innehalten und das dort installierte Werk „Schlange – Queue“ auf sich wirken lassen …




(Fotos: Andrea Nikitopoulos)

Übrigens: Den vom interessanten griechisch-deutschen Blog diablog.eu geteilten Text von mir (in etwas gekürzter Fassung) findet Ihr hier....

Samstag, 27. Januar 2018

Ich will bis zum letzten Augenblick weiter beobachten, notieren, studieren. Angst hilft nichts, und alles ist Schicksal. - Victor Klemperer

Und so ganz nebenbei auch mal wieder eine Buchempfehlung... rechtzeitig zum heutigen Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 ....


Victor Klemperer, an dessen Büchern man als Romanistik-Studentin nicht vorbeikam, beschreibt in seinen Tagebüchern das Leben als Jude in Dresden zwischen 1933 und 1945. 

Die Eintragungen bringen dem Leser auf erschreckende Weise das alltägliche Leben der jüdischen Mitbürger im Dritten Reich nahe. Und erst in all diesen täglichen vermeintlichen Kleinigkeiten wird uns das Ausmaß dieser unbeschreiblichen Entmenschlichung durch das Nazi-Regime bewußt. Ich will das Buch nicht weiter kommentieren. Lesenswert, gerade in diesen unseren so bedenklichen Zeiten. Ein kleiner Textausschnitt mag genügen: 


"2. Juni 1942 : 
Was ist in diesen letzten Jahren alles an Großem und Kleinem zusammengekommen! Und der kleine Nadelstich ist manchmal quälender als der Keulenschlag. Ich stelle mal die Verordnungen zusammen:

1. Nach acht oder neun Uhr abends zu Hause sein. Kontrolle!
2. Aus dem eigenen Haus vertrieben.
3. Radioverbot, Telefonverbot.
4. Theater-, Kino-, Konzert-, Museumsverbot.
5. Verbot, Zeitschriften zu abonnieren oder zu kaufen.
6. Verbot zu fahren (dreiphasig): a) Autobusse verboten, nur Vorderperron der Tram erlaubt, b) alles Fahren verboten, außer zur Arbeit, c) auch zur Arbeit zu Fuß, sofern man nicht 7 km entfernt wohnt oder krank ist (aber um ein Krankheitsattest wird schwer gekämpft). Natürlich auch Verbot der Autodroschke.
7. Verbot, „Mangelware“ zu kaufen.
8. Verbot, Zigarren zu kaufen oder irgendwelche Rauchstoffe.
9. Verbot, Blumen zu kaufen.
10. Entziehung der Milchkarte.
11. Verbot, zum Barbier zu gehen.
12. Jede Art Handwerker nur nach Antrag bei der Gemeinde bestellbar.
13. Zwangsablieferung von Schreibmaschinen.
14. von Pelzen und Wolldecken.
15. von Fahrrädern – zur Arbeit darf geradelt werden (Sonntagsausflug und Besuch zu Rad verboten).
16. von Liegestühlen,
17. von Hunden und Katzen, Vögeln.
18. Verbot, die Bannmeile Dresdens zu verlassen,
19. den Bahnhof zu betreten,
20. das Ministeriumsufer, die Parks zu betreten,
21. die Bürgerwiese und die Randstraßen des Großen Gartens zu benutzen. Auch das Betreten der Markthallen seit vorgestern verboten.
22. Seit dem 19. September der Judenstern.
23. Verbot, Vorräte an Eßwaren im Hause zu haben (Gestapo nimmt auch mit, was auf Marken gekauft ist.)
24. Verbot der Leihbibliotheken.
25. Durch den Stern sind uns alle Restaurants verschlossen. Und in den Restaurants bekommt man immer noch etwas zu essen, irgendeinen „Stamm“, wenn man zu Haus gar nichts mehr hat. (…)
26. Keine Kleiderkarte.
27. Keine Fischkarte.
28. Keine Sonderzuteilung wie Kaffee, Schokolade, Obst, Kondensmilch.
29. Die Sondersteuern.
30. Die ständig verengte Freigrenze. Meine zuerst 600, dann 320, jetzt 185 Mark.
31. Einkaufsbeschränkung auf eine Stunde (drei bis vier, Sonnabend zwölf bis eins).

Ich glaube, diese 31 Punkte sind alles. Sie sind aber alle zusammen gar nichts gegen die ständige Gefahr der Haussuchung, der Mißhandlung, des Gefängnisses, Konzentrationslagers und gewaltsamen Todes. ---- "



P.S. Nicht zu vergessen sein grandioses Buch LTI 
https://de.wikipedia.org/wiki/LTI_%E2%80%93_Notizbuch_eines_Philologen

Mittwoch, 17. Januar 2018

Griechenland - auch keine neuen Nachrichten sind Nachrichten ...


Nach längerem Schweigen wird es wieder mal Zeit, über das Leben hier in Griechenland zu berichten. Wie sieht unser Leben hier mittlerweile aus, im x-ten Jahr der Krise?
Lasse ich das letzte Jahr vorüberziehen, so kann ich in unserer kleinen Werkstatt zwar keinen weiteren Umsatzabfall verbuchen, aber dennoch einen eklatanten Anstieg der Zahlungsschwierigkeiten meiner Kunden feststellen, was mir zunehmend Angst macht und mich auch in der Produktion oft in finanzielle Schwierigkeiten bringt. Der Ausblick auf das noch junge Jahr ist bei mir und meinen Kunden nicht gerade hoffnungsvoll. Von Aufatmen oder gar Aufbruchsstimmung keine Spur. Ganz im Gegenteil erzählt mir fast jeder Kunde, dass die Auftragslage zunehmend prekärer wird und ein schlechteres Jahr als 2017 zu erwarten ist. So gesehen ist also nach wie vor etwas faul im Staate Griechenland …
Weiterhin kämpfen Einzelhändler und kleine Unternehmen um ihr Überleben. Weiterhin beobachtet man das Schließen von Geschäften, wenn man durch die Straßen geht. Der vielbeschworene Aufschwung? Er mag vielleicht im großen Rahmen und bei Großunternehmen zu sehen sein, bei den in Griechenland so wichtigen kleinen und mittleren Unternehmen ist er nicht auszumachen. Gerade die Mittelschicht kämpft weiter gegen das langsame Sterben.
Und was sagen schon Zahlen und Statistiken aus? Zu jeder Statistik ließe sich wohl eine Gegenstatistik finden: Zögernd abnehmende Arbeitslosenzahlen? Ja, aber zu welchem Preis? Wenn junge Menschen mit Universitätsabschlüssen sich für 400 Euro und weniger im Monat irgendwo verdingen müssen, verschönern sie natürlich die Arbeitslosenstatistik, aber wenn es zum Leben hinten und vorne nicht reicht, welchen Sinn hat dieses Arbeitsverhältnis dann?
Wenn kleine Unternehmen überhaupt nur überleben können, indem sie ihre Abgaben und Steuern nicht entrichten (und dabei ungeahnte Schulden anhäufen), was für einen Sinn haben dann all die Steuererhöhungen?
Nicht besser sieht es auch auf dem Tourismus-Sektor aus, wo steigende Besucherzahlen bejubelt werden, davon aber vor allem die großen internationalen Reiseunternehmen und weniger die griechischen Hoteliers profitieren – von den prekären Arbeitsverhältnissen mit Hungerlöhnen und endlosen Arbeitsstunden gar nicht zu reden.
Und wenn weiterhin Rentenkürzungen und Lohnkürzungen die Kaufkraft der Menschen schmälern, wie sollen dann kleine und mittlere Unternehmen einen Aufschwung verbuchen, wie sollen die so dringend benötigten Arbeitsplätze geschaffen werden? Von den weiterhin existenziellen Problemen und prekären Lebenssituationen von so vielen Menschen ganz zu schweigen ... 

Aber all das ist ja nichts Neues. Es gibt mittlerweile genug Journalisten, die diese Missstände geißeln (und auf der anderen Seite genauso viele, die die vermeintlichen Errungenschaften der momentanen Regierung beweihräuchern) …
Und so befinden wir uns also im x-ten Jahre der Krise – ohne Aussicht auf Besserung. Wie der Parthenon ist auch das Land eine Baustelle ohne Ende. Die Regierung tönt, wir würden noch in diesem Jahr das Ende der Memoranden feiern können und „an die Märkte“ zurückkehren – verschweigt dabei aber wissentlich, dass das Land auf zig Jahre hinaus den harten Auflagen dieser Memoranden verschrieben bleiben wird, inklusive zunehmender Privatisierungen, Zwangsversteigerungen etc.
Derweil verabschiedet das Parlament weiterhin Gesetzesnovellen en masse, um an die so dringend benötigten Kredite zu gelangen. Die Frage, ob etwa eine neue Regierung es nach den kommenden Wahlen besser machen würde, stellt sich da schon längst nicht mehr: Unterschrift ist Unterschrift, daran können auch neue Regierungen nichts mehr ändern. Und so nimmt die allgemein um sich greifende Politikverdrossenheit immer weiter zu, verständlicherweise…

Das Fazit? Man stellt unter dem Strich fest, dass sich für uns, den einfachen Bürger, nichts geändert hat und auch in den nächsten Jahren nichts ändern wird – es sei denn zu noch Schlimmerem.

Und der geneigte Leser hier wird sich jetzt fragen, warum ich das alles geschrieben habe, wenn ich doch nichts Neues zu berichten habe. Aber genau das Wissen darum ist das, was ich mit meiner kleinen Bestandsaufnahme hier ausdrücken wollte:

Nichts Neues und keinerlei Hoffnung auf Besserung … 

Freitag, 5. Januar 2018

Ich bin mir selbst das Un-Wort ...

Das Un-Wort

Ich bin die Un-geduld
Ich bin die Un-gereimheit
Ich bin die Un-gläubigkeit
Ich bin die Un-korrektheit
Ich bin die Un-rast
Ich bin die Un-Voreingenommenheit
Ich bin die Un-zulänglichkeit
Ich bin die Un-belehrbarkeit
Ich bin der Un-mut
Ich bin das mir selbst Un-begreifbare.


Ich bin das Un-Wort,
das mein Leben zuweilen so un-ermesslich macht ...



Donnerstag, 28. Dezember 2017

Sonntag, 10. Dezember 2017

Ich habe keine Lust mehr ...

Der plötzliche Tod einer erst kürzlich in mein Leben getretenen Freundin läßt mich die letzten Tage wieder viel nachdenken über unsere freundschaftlichen Beziehungen. 

Sie sind allemal fragile Gebilde. Sie sind den Stürmen unseres Lebens unterworfen und ändern sich deshalb auch je nach unserer persönlichen Lebenslage. Sie können nie gleich bleiben, denn dann wären sie tote Gebilde. Sie sind immer im Werden, im Verändern, nie sind sie fertiggedacht, niemals fertiggelebt. Sie verlangen uns manchmal viel Verständnis, aber auch Unverständnis ab; vor allem Letzteres ist fast wichtiger, denn es schafft  die Möglichkeit, uns selbst zu hinterfragen und vielleicht besser zu verstehen.

Deshalb versuche ich eigentlich schon immer,  meine freundschaftlichen Beziehungen zu den Menschen um mich herum auch in Zeiten des Unverständnisses, des Unmutes, des Ungehaltenseins oder des vermeintlichen Vertrauensverlustes nicht einfach ad acta zu legen. Natürlich müssen wir nicht alles hinnehmen, wir dürfen aber auch nicht alles zumuten. Es ist immer ein Kampf, wenn eine freundschaftliche Beziehung irgendwie "auf die Probe" gestellt wird.  Denkt man genauer darüber nach, ist es jedoch immer ein Kampf mit den eigenen Gefühlen, Empfindlichkeiten und auch eigenen Verhaltensweisen. Weniger sollte es ein Kampf mit denen des Mitmenschen sein ... Die Balance zu finden zwischen gesundem Egoismus und versöhnlicher Menschenzugewandtheit ist allemal schwer.

Aber wißt ihr was? Je älter ich werde, umso weniger Lust habe ich auf  Nachtragendes, Unumstößliches, Unwiederbringliches, Unwiderrufliches, Unverzeihliches... 
All diese furchtbaren Un-Worte, die menschliche Beziehungen am Ende doch nur 
un-möglich machen!  

Wenn die „Grundsubstanz“ der Freundschaft stimmt, sollten wir vielleicht den Dingen einfach mal ihren Lauf lassen. Menschen kommen und gehen, nehmen Umwege, Abkürzungen, manchmal auch Einbahnstraßen oder Abzweigungen. Manche verabschieden sich tatsächlich unwiderruflich, weil sie einfach nicht anders können, dafür treten manchmal neue in unser Leben. Und andere wiederum wären gern geblieben, durften aber nicht ...

Aber wenn man Geduld und Zuversicht hat, kreuzen sich "alte" Wege oft auch wieder, und man darf wieder ein Stückchen Lebensweg gemeinsam gehen - egal, ob es ein längerer oder kürzerer Weg sein wird. Und darüber sollten wir uns dann einfach nur freuen, denn wir wissen nie, wie lange es uns vergönnt sein wird, den Freund einen Stück seines Weges zu begleiten ... 



In dankbarer Erinnerung an eine eben erst aufblühende Freundschaft ...





Donnerstag, 9. November 2017

Lucky Charms 2018

Weihnachten steht mal wieder vor der Tür.
Für den kommenden deutschen Weihnachtsbasar hier in Athen bemühe ich mich gerade um einige Kreationen ...
In Griechenland verschenkt man vor allem an Neujahr Glücksbringer für das kommende Jahr. Hier sind meine Ideen dazu:







Sonntag, 15. Oktober 2017

Komm! Wir wollen dir versprechen Rettung aus dem tiefsten Schmerz! - Goethe (Vorwort des gemeinsamen Tagebuchs meiner Eltern)

15. OKTOBER
Zeit als Abziehbild des Voranschreitens wie auch des Rückschreitens, nie des Stehenbleibens. 
Jeder von uns erlebt seine eigene Zeit anders. Manchen kann es gar nicht schnell genug gehen, manchen nicht langsam genug. Und mittendrin in dieser unserer Zeit wünschen wir uns nicht selten, sie würde zur Abwechslung einfach mal stehen bleiben und unserem so atemlosen Leben eine Nicht-Zeit gönnen.
Da die Zeit aber mitnichten stehen bleibt, müssen wir uns unsere eigenen Nicht-Zeiten selbst kreieren. Wir müssen manchmal einfach aus dem Perpetuum mobile der Zeit heraustreten, uns einfach neben sie stellen. Das gelingt nicht immer, weil die Zeit ja auch einen krakenhaften Charakter hat: sie umfängt uns, umschließt uns mit ihren Fangarmen, lässt uns schließendlich doch nicht aus … 

Aber dennoch: Lasst uns doch ab und zu einfach „zeitlos“ werden ! 😉


Ach ja, und wenn ich an diesem ruhigen Sonntag schon über die Zeit sinniere: 
Heute hätte mein Vater seinen 89. Geburtstag gefeiert!  Schön, wenn er noch bei mir wäre und ich seine ausnahmslos liebevoll-klugen Ratschläge einholen könnte! Er fehlt.  

Das angefügte Porträt meiner Mutter stammt von ihm, dem talentierten Hobbymaler. Gefunden habe ich es nach dem Tod meiner Mutter in einem Tagebuch, in dem sie gemeinsam - sie literarisch und er zeichnerisch -  die Geschichte ihres Kennenlernens und ihrer Liebe dokumentierten …   



Sonntag, 17. September 2017

Am Anus Europas ....



EINE WOCHE VOR DER WAHL
Heute in einer Woche werden die Deutschen zu den Wahlurnen schreiten…
In der Mehrzahl die ewigen Zögerer und Zauderer, die sich unbedingt ihren „Weiter so-Kokon“ erhalten möchten, koste es, was es wolle – selbst die Zukunft ihrer Kinder…
Dann die in ihrer „Besorgnis“ grölend Begeisterten, geht es doch darum, eine Partei in den Bundestag zu befördern, die dem Land einen Vintage-Stil aufdrücken will, so eine Art „Shabby Chic“, was allerdings dann nicht mehr romantisch-schick, sondern eher bräunlich versifft sein wird…
Dann sind da noch die wirklich Unzufriedenen (nicht zu verwechseln mit den oben erwähnten „Besorgten“), die weiter nach vorne schauen und sich eine nachhaltige Politik wünschen, die das Wort Demokratie endlich wieder ernst nimmt und nicht weiterhin durch die Wörter Plutokratie und „Lobbykratie“ ersetzt.
Und am Schluß sind da noch all jene, die resigniert haben und sich den Gang zum Wahllokal gleich ersparen…
Die Umfragewerte schwanken je nach Umfrageinstitut, das große Bild bleibt jedoch in Umrissen gleich – mit einem Paukenschlag ist am nächsten Sonntag nicht zu rechnen. Es ist keine politische Veränderung zu erwarten für die weitere Legislaturperiode: bad business as usual…
Allenthalben darf man sich bis zum nächsten Sonntag noch die Frage stellen, wie viele bräunlichen Sitze diese abgetakelten Gestrigen und frisch Vergestrigten im Bundestag am Ende erhalten werden - ob sie überhaupt welche erhalten, steht leider schon längst nicht mehr zur Debatte!
Da ich in Deutschland schon lange nicht mehr wählen darf, könnte ich es mir doch schön auf meinem griechischen Sofa gemütlich machen und die Welt einfach Welt sein lassen. Nur so funktioniert das leider nicht, denn die deutsche Politik hat sich schon längst wieder eine gefährlich führende Stellung innerhalb Europas zurückerobert, unter anderem auch in Bezug auf Griechenland .
Und so betrifft das, was im fernen Deutschland passiert, natürlich auch mich hier am südöstlichen Anus Europas.…

Dienstag, 5. September 2017

Das Leben geht unter Zaudern verloren, und jeder Einzelne von uns stirbt in seiner Unrast. - Epikur

Darstellung des Epikur (Raffael, Die Schule von Athen)
Wenn einem der verständigste aller Ehemänner dringendst ans Herz legt, man solle doch mal wieder EPIKUR lesen und endlich das Leben "philosophieren" anstatt sich ständig Sorgen zu machen 😏 :

Es folgen der Gang zum Bücherregal und stundenlanges Rumschmökern während einer (weiteren) schlaflosen Nacht... 

Richard David Precht (Wer bin ich und wenn ja, wieviele?)  zum Beispiel schreibt über Epikur:
„Epikur hütet sich davor, einen Generalplan über das Wesen, die Entstehung und den Zustand der Welt zu entwerfen, wie so viele seiner Vorgänger in der griechischen Philosophie. Eigentlich will er überhaupt nichts vollständig erklären, denn überall entdeckt er Wissenslücken  und Erklärungsmangel.  Statt einer alles umfassenden Erkenntnistheorie wendet er sich der Frage zu: Was ist im Rahmen der begrenzten menschlichen Möglichkeiten ein gelingendes Leben?“

Volker Spierling (Kleine Geschichte der Philosophie) fasst Epikurs Gedanken so zusammen: „ Zwei Hindernisse stehen der Glückseligkeit im Wege: die Furcht vor Göttern und die Furcht vor dem Tode. Wer glückselig leben will, muss zunächst diese beiden Hindernisse, die die Seele beunruhigen, beseitigen und sodann die Lust mit Klugheit willkommen heißen. Der ganze Sinn der theoretischen Philosophie liegt darin, daß dieses Ziel in der konkreten Lebenspraxis des einzelnen erreicht wird.“ 

Nun, dieser Epikur ist mir doch immer wieder sympathisch. Aktueller denn je. Einer, der nicht vorgibt, alles zu wissen, einer, der sich nicht an irgendwelche Götter hängt, einer, der den Menschen als Menschen begreift – in all seinen ganz real begrenzten Möglichkeiten…

Hier auch für euch ein paar Gedanken aus dem reichen Epikureischen Garten:

Der Anfang des Heils ist die Kenntnis des Fehlers.

Wenn Gott den Gebeten der Menschen entsprechen würde, dann wären schon längst alle Menschen zugrunde gegangen, weil sie unablässig viel Schlimmes gegeneinander erbitten.

Gewöhne dich an den Gedanken, daß der Tod uns nichts angeht. Denn alles Gute und alles Übel beruht auf Empfindung, der Tod aber ist der Verlust der Empfindung. (…) Das schauerlichste Übel, der Tod, geht uns also nichts an. Denn solange wir sind, ist der Tod nicht da, und sobald er da ist, sind wir nicht mehr.

Wir dürfen nie vergessen, daß die Zukunft zwar gewiß nicht in unsere Hand gegeben ist, daß sie aber ebenso gewiß doch auch nicht ganz außerhalb unserer Macht steht.

Entweder will Gott die Übel in der Welt abschaffen und kann es nicht, dann ist er schwach; oder er kann es nicht und will es nicht, dann ist er schwach und schlecht, und in jedem Falle kein Gott, oder er kann und und will es , woher kommen dann die Übel? Und warum beseitigt er sie nicht?

Zieh dich dann vor allem in dich selbst zurück, wenn du gezwungen bist, unter vielen Menschen zu sein.

Jede Lust ist ein Gut, weil sie uns vertrauter Natur ist, doch sollte nicht jede gewählt werden - ebenso wie jeder Schmerz ein Übel ist, dennoch nicht jeder immer vermieden werden sollte.

Behandeln muß man Schicksalsschläge mit der Dankbarkeit für das Verlorene und mit der Erkenntis, daß man das Vergangene nicht ungeschehen machen kann.

Schlimm ist der Zwang, doch es gibt keinen Zwang, unter Zwang zu leben. 

Bei einem argumentationsfreudigen Streitgespräch erreicht der Unterlegene mehr, insofern er etwas dazulernt.


Auch die Selbstgenügsamkeit halten wir für ein großes Gut, nicht, um uns unter allen Umständen mit dem Wenigen zu begnügen, sondern damit wir, wenn wir das Viele nicht haben, mit dem Wenigen zufrieden sind, in der festen Überzeugung, daß jene den größten Genuß am Luxus haben, sie seiner am wenigsten bedürfen, und daß alles Naturgemäße leicht zu beschaffen ist, das Unnütze aber schwer.

Der Anfang und die Wurzel alles Guten ist die Lust des Magens; auch Weisheit und Überlegenheit lassen sich darauf zurückführen.

Mach dir deine eigenen Götter und unterlasse es, dich mit einer schnöden Religion zu beflecken.







Dienstag, 29. August 2017

Wenn Gott die Vorhaut nicht gewollt hätte, hätte er sie gleich weggelassen - Adriana Altaras

Nach diesen Augusttagen kann ich auf einen Stapel von Büchern zurückblicken, die mich durch diesen ruhigen Monat begleitet haben. Viel Lesenswertes war dabei und über das eine oder andere Buch hätte ich hier sicher schreiben sollen, war aber selbst dazu zu faul in meiner selbstauferlegten "Abkehr" von dieser Welt 😏 .


Image result for adriana altaras titos brilleEin Buch möchte ich dennoch hier in aller Kürze erwähnen, weil es mich überrascht hat:
Image result for adriana altarasDie jüdische Kroatin Adriana Altaras erzählt von ihrer Kindheit, ihrer "strapaziösen Familie", ihrem Leben im heutigen Deutschland. Altaras ist mir ein Begriff aus dem Fernsehen, ich habe sie schon öfter in Talkshows gesehen. Ich fand sie immer sehr sympathisch.

Zunächst jedoch versprach ich mir nicht sehr viel von der Lektüre;  allerhand Schauspieler und Prominente schreiben ja so vor sich hin, oftmals nicht das Papier wert, auf das gedruckt wird.
Ich fand das Buch zufällig und kann mich auch nicht mehr erinnern, wie es seinen Weg zu mir gefunden hat (vielleicht hat es mir gar eine Freundin geliehen? Sie darf sich gern melden, sollte sie diese Besprechung hier lesen!) ...

Schon im Prolog stellt Altaras lakonisch fest:" Ich bin Jüdin, Jahrgang 1960. So jetzt ist es heraus. Ich wurde in Titos Jugoslawien geboren."

Von da an entspinnt sich ihre Familiengeschichte. Die Eltern, die noch rechtzeitig aus Jugoslawien fliehen konnten, die exzentrische Tante, die nach dem Internierungslager in Jugoslawien nach Italien geschmuggelt wird, der Vater, der in Gießen eine beachtliche Karriere als Arzt macht, sich nebenbei auch außerehelich rege betätigt, die Mutter, die ihre Erfüllung in der Erforschung der Geschichte der Juden in Hessen findet, und schließlich sie selbst, die sowohl in Italien als auch Deutschland aufwächst und in Berlin ihre persönliche und berufliche Heimat finden wird.

Bis dahin eine Geschichte, die nicht außergewöhnlich erscheint angesichts zahlreicher jüdischer Nachkommen, die ihre Familiengeschichten von Tod, Internierung, Flucht und Exil literarisch verarbeitet haben. Altaras jedoch macht dies mit dem so typischen jüdischen Humor und einem beeindruckenden Lakonismus. Ihre Sprache ist eingängig, erfrischend weit davon entfernt, sich anlässlich des Themas in literarische "Höhen" aufzuschwingen. Nein, da erzählt eine Frau mit viel Ehrlichkeit, Einfühlungsvermögen, Witz und Selbstironie von den Ihren und dem "Erbe" der Exilanten, mit dem sie (auch ganz praktisch nach dem Tode der Eltern) versucht klarzukommen:

"Im Exil ist Todesschwäche absolut verboten. Im Exil ist alles schrecklich weit, 
weit weg und vorbei. Das Exil ist schon ein sehr besonderer Ort. Weder mein Vater 
noch meine Mutter und schon gar nicht ich waren freiwillig aufgebrochen. Aber wir 
konnten und wollten inzwischen nicht mehr zurück. Also musste man sich arrangieren - 
mit der Sprache, den Gerüchen, dem Essen.(...) Diejenigen, die zu Hause in der Heimat 
geblieben waren, lebten ein Stück weit unser altes Leben für uns mit. Das, was wir getan hätten, 
was wir geworden wären, was wir gegessen hätten, wenn.... Und wenn sie jetzt starben, starb 
ein Teil von uns, von unserem fast gelebten Leben. Ein Teil, den wir schon so lange begraben 
hatten, denn Heimweh ist im Exil verboten, es macht schwach und krank".


Ein Buch, das nachdenklich, aber auch Mut macht. Ich mußte bei manchen Textstellen - wie der obigen - unwillkürlich auch an das heutige Flüchtlingsdrama denken. Wie erlebt zum Beispiel ein Kind eine solche "Verpflanzung", wie gelingt es, seine Wurzeln nicht zu verlieren auf dem Wege in die totale Integration, die von der neuen Heimat eingefordert wird? Zurückbleiben werden wohl immer solche Menschen wie Adriana Altaras, die irgendwie versuchen, ihren Platz zu finden ohne sich und ihre Vergangenheit aufzugeben. In manchem hat mich das Buch in seinem Duktus übrigens stark an die Romane der New Yorker Jüdin Lilly Brett erinnert...

Eine trotz des Themas sehr kurzweilige und dennoch tiefer gehende Lektüre. Ich kann das Buch nur empfehlen.