Sonntag, 28. Mai 2017

Umräume ...

Innerhalb weniger Tage habe ich nun zwei Museen besucht, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Das Museum der zeitgenössischen Kunst EMST und erst gestern das Benaki-Museum. Hier die kühlen, farblosen Räume des EMST und dort die neoklassizistisch-üppigen, teils farbig gestalteten Räume des Benaki-Museums ...
Dieser Kontrast brachte mich wieder zurück auf meine Gedanken über Ausstellungsräume, so wie ich dies zur documenta vor ein paar Tagen schon kurz erwähnte; das modern übliche Ausstellungskonzept ist der Idee des "White Cube" geschuldet, das im krassen Gegensatz steht zum oftmals farbigen, individueller ausgerichteten älteren Museumsraum.




Und gestern erinnerte ich mich endlich,  wo ich den diesbezüglich interessanten Aufsatz von Brian O'Doherty gelesen hatte, der sich mit den Ausstellungsräumen unserer Zeit auseinandersetzt und den ich zum Thema noch in Auszügen nachtragen möchte:


"Die Geschichte der Moderne ist mit diesem Raum aufs Engste verknüpft. Das heißt, die Geschichte der modernen Kunst kann mit Veränderungen dieses Raumes und der Art und Weise, wie wir ihn wahrnehmen, in Wechselbeziehung treten. Wir sind nun an dem Punkt angelangt, an dem wir nicht zuerst die Kunst betrachten, sondern den Raum. (Es ist üblich geworden, daß man sich zunächst einmal über den Raum äußert, wenn man eine Galerie betritt.) Das Bild eines weißen, idealen Raumes entsteht, das mehr als jedes einzelne Gemälde als das archetypische Bild der Kunst des 20. Jahrhunderts gelten darf. (...) Die ideale Galerie hält vom Kunstwerk alle Hinweise fern, welche die Tatsache, daß es "Kunst" ist, stören könnten. Sie schirmt das Werk von allem ab, was seiner Selbstbestimmung hinderlich in den Weg tritt. Dies verleiht dem Raum eine gesteigerte Präsenz, wie sie auch andere Räume besitzen, in denen ein geschlossenes Wertsystem durch Wiederholung am Leben erhalten wird. Etwas von der Heiligkeit der Kirche, etwas von der Gemessenheit des Gerichtssaales, etwas vom Geheimnis des Forschungslabors verbindet sich mit schickem Design zu einem einzigartigen Kultraum der 
Ästhetik. (...) Ja, eine Galerie wird nach Gesetzen errichtet, die so streng sind wie diejenigen die für eine mittelalterliche Kirche galten. Die äußere Welt darf nicht hereingelassen werden, deswegen werden Fenster normalerweise verdunkelt Die Wände sind weiß getüncht. Die Decke wird zur Lichtquelle. Der Fußboden bleibt entweder blankes Holz, so daß man jeden Schritt hört, oder aber er wird mit Teppichboden belegt, so daß man geräuschlos einhergeht und die Füße Ruhe haben, während die Augen an der Wand heften. Die hat hier die Freiheit, wie man so sagt, "ihr eigenes Leben zu leben". Ein diskretes Pult bleibt das einzige Möbel. In dieser Umgebung wird ein hoher Aschenbecher fast zu einem sakralen Gegenstand, ebenso wie der Feuerlöscher in einem modernen Museum einfach nicht mehr wie ein Feuerlöscher aussieht, sondern wie ein ästhetisches Scherzrätsel. Hier erreicht die Moderne die endgültige Umwandlung der Alltagswahrnehmung zu einer Wahrnehmung rein formaler Werte. Das ist gewiß eine ihrer fatalsten Krankheiten.
Schattenlos, weiß, clean und künstlich - dieser Raum ist ganz der Technologie des Ästhetischen gewidmet. (...) Hier existiert Kunst in einer Art Ewigkeitsauslage, und obwohl es viele Perioden und Stile gibt, gibt es keine Zeit. Dieses Aufgehobensein in Ewigkeit verleiht der Galerie den Charakter einer Vorhölle: Man muß schon einmal gestorben sein, um dort sein zu können. In  der Tat wirkt die Anwesenheit des seltsamsten Möbelstückes in diesem Raum, des eigenen Körpers, überflüssig und aufdringlich ..." 


Wolfgang Kemp, der Herausgeber des Buches, bemerkte in seiner Einleitung zusammenfassend:

" O'Doherty verweist uns auf die (...) vernachlässigte Bedeutung auch der von der Institution Kunst selbst geschaffenen Umräume für die Kunstproduktion und - rezeption. Schon die wenigen Bemerkungen des Autors zu älteren Präsentationsweisen und seine witzige, z.T. satirische Analyse des Galerie-Raums lassen erkennen, daß von einer wirklichen Neutralität und sachbezogenen Dienlichkeit dieser Rahmenbedingungen nicht die Rede sein kann."

(Brian O'Doherty, Die weiße Zelle und ihre Vorgänger, in: W. Kemp, Der Betrachter ist im Bild. Hamburg 1992, S. 335 ff.)

Und so bleibt es natürlich uns, dem Betrachter, überlassen, wie wir Kunst wahrnehmen, inwieweit Umräume uns beeinflussen; und nicht zuletzt bleibt die Erkenntnis, dass selbst weiße Räume eben auch nicht "neutral" sind ... 😉

Samstag, 20. Mai 2017

Mit dem Beginn des verdienten Wochenendes war mal wieder etwas "Kultur" angesagt ...
Am späten Vormittag machte ich mich auf zu einer kostenlosen Führung durch die sogenannte "Athener Trilogie" - Nationalbibliothek, Universität und Akademie.
Lebt man in Athen, läuft man so oft an diesen zentralen Bauten in der Odos Panepistimiou vorbei, meistens kennt man sie aber nur von außen. Allein den Lesesaal der Nationalbibliothek habe ich schon einmal vor ein paar Jahren besucht, als ich auf der Suche nach einem bestimmten Buch war für einen Aufsatz. Deshalb war diese Führung für mich mehr als interessant, gerade weil ich tatsächlich zu wenig über das "Innenleben" dieser klassizistischen Bauten weiß. Sie alle entstanden zur Zeit König Ottos, unter der Federführung der Architekten Theofil von Hansen und Ernst Ziller - wobei die handwerkliche Ausführung (auch der Malereien und Skulpturen) allein griechischen Künstlern vorbehalten war.

Die Führung dauerte anstatt der angekündigten eineinhalb Stunden fast geschlagene drei Stunden, ein wirklich toller Kunstgeschichtsprofessor der Athener Universität und drei seiner Doktoranden boten mit ihren ausführlichen Vorträgen und Erklärungen höchstinterssante Einblicke in die Geschichte und die künstlerische Bedeutung dieser drei Bauwerke. So vieles wurde erzählt, so vieles erklärt, so viele Fragen - von auch sehr kundigen Besuchern - geduldig und kenntnisreich beantwortet. Und ein Glücksfall, wenn die hochbetagte Enkelin eines der herausragenden Bildhauer, der an diesen Bauwerken mitarbeitete, mit herrlichen Anekdoten aus dem Leben des Großvaters diese Führung bereichert. Viel zu viel, um dies auch nur in Ansätzen hier zusammenfassen zu können.


Da dieser Blog vor allem auch um Bücher geht, möchte ich hier deshalb nur kurz in paar Bildern die wunderschöne Athener Nationalbibliothek vorstellen:


Die imposante Aufgangstreppe - ein kleines witziges Detail befindet
sich am oberen Ende der Treppe: Eine in Stein gemeißelte kleine Echse,
die man leicht übersieht. Sie gehört zur Detailversessenheit von Ernst Ziller,
der solche kleinen "Dekorationen" liebte ...

Und gleich in der Einganghalle sind sie: die guten alten hölzernen
Karteikästen, so wie ich sie auch noch aus meinen Studienzeiten in
der Münchner Staatsbibliothek und den Universitätsbibliotheken kenne ...

Der Katalog der fremdsprachlichen Autoren ... welche Schätze
mögen sich darin verbergen!? 

Der Eingang zum Lesesaal
Das riesige Glasdach läßt Tageslicht einfallen,
die ionischen Säulen - ganz in klassizistischer Manier -
geben dem Raum seine Kontur. 

Hinter den Säulen die "unendlichen" 
Bücherschätze - und ein Besucher, der
die Szenerie auf sich einwirken läßt ...

Ein Kuriosum für mich: Gleich im ersten Regal rechter
Hand befindet sich die Brockhaus-Enzyklopädie! 

Auf den wunderbaren alten, "verbrauchten" Holztischen
mit ihren grünen Leselampen liegt so mancher alter Schatz ...

Wer mag darin zur Zeit wohl forschen?

Und hier noch ein kleines Detail: 

Ernst Ziller war - wie oben schon bemerkt bei der Eingangstreppe mit der kleinen Echse - ein detailverliebter Künstler und Architekt. So befinden sich an allen Bücherregalen seltsame hölzerne Bretter und eiserne Streben mit Handgriffen. Man beachtet dies fast nicht. Was hat es nun damit auf sich? Dies sind hölzerne Stufen und eiserne Handgriffe, die es dem Besucher erleichtern, Bücher aus den höheren Regalen bequem zu entnehmen. Tja, auf solche "Tricks" kamen die "alten" Architekten! Die Führerin zitierte mit verschmitztem Lächeln die Worte der stellvertretenden Bibliotheksleiterin: "So etwas finden Sie nicht einmal in der neuen, hypermodernen Bibliothek im Stavros-Niarchos-Kulturzentrum!" 😏

Nachtrag: Erst vor kurzem wurde hier in Athen das Stavros Niarchos-Kulturzentrum eingeweiht. Dorthin wird nun auch die Nationalbibliothek verlegt werden. Eine Mitarbeiterin der Nationalbibliothek informierte uns, daß deswegen die "alte" Nationalbibliothek keineswegs ausgedient hätte, denn selbst in der riesigen neuen Bibliothek fänden nicht alle Schätze der Nationalbibliothek Platz. 
Gott sei Dank, kann man da nur sagen! Weiterhin steht der Lesesaal der Nationalbibliothek allen Besuchern von 8-15 Uhr offen. Es wäre ja auch geradezu sträflich, wenn so ein schönes Gebäude und dieser wunderbare alte Lesesaal nicht mehr genutzt würden!

Sonntag, 14. Mai 2017

Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgendetwas stehen, das wir nicht gleich restlos erklären können. - Christoph Schlingensief

Das Problem aller zeitgenössischen Kunst: Was hat es nicht schon einmal gegeben, was fällt wirklich aus dem Rahmen der modernen und postmodernen Kunst des 20. Jahrhunderts heraus? Die Kunst bietet ja keine neue Medien: Malerei, Skulptur, Performance, Land Art, Installation, Video, Photographie und all die daraus resultierenden hybriden Formen. Was bleibt dem zeitgenössischen Künstler also, um innerhalb dieser Medien etwas Neues zu kreieren? Oder ist die zeitgenössische Kunst gefangen in unumgänglichen Rückgriffen auf Moderne und Postmoderne? Wie gehen zeitgenössische Künstler mit den bedeutenden Umwälzungen dieser beiden Kunstepochen um? Wie können sie sie weiterentfalten?
Mit diesen Fragen betrat ich heute die documenta-Ausstellung im neuen Athener Museum für zeitgenössische Kunst, EMST. Der Umbau der ehemaligen Fix-Bierfabrik ist beeindruckend gelungen: Klare Formen, hohe, lichterfüllte Räume. Wie in vielen modernen Museen hat man sich auch im EMST für weiße Wände (und den obligatorischen blassen Laminatfußboden) entschieden und folgt damit dem bereits aus dem frühen 20.Jahrhundert stammenden Konzept des "White Cube" - ein Ausstellungskonzept, das bewusst die umgebende Architektur vor dem Kunstwerk in den Hintergrund treten lassen sollte. Mittlerweile hat dieses puristische Konzept aber auch Gegner gefunden, die nicht zu Unrecht bemängeln, man "neutralisiere" damit die Kunst und reiße sie aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld ...

Wie ich immer wieder feststelle, tue ich mich persönlich mit der zeitgenössischen Kunst um einiges schwerer als mit der modernen und postmodernen des vergangenen Jahrhunderts. Dies mag sicherlich auch damit zu tun haben, dass ich mich nur marginal mit zeitgenössischer Kunst beschäftige, wohingegen mir das 20. Jahrhundert mit seinen so innovativen und herausragenden künstlerischen Ideen immer wieder aufs Neue interessant erscheint. Nun ja, mit soviel "Nichtwissen" beglückt, kann man so eine zeitgenössische Ausstellung immerhin recht vorurteilslos aufsuchen und einfach erstmal nur "schauen" ...
Verteilt auf drei Stockwerke bietet sich dem Besucher eine recht vorhersehbare Kunstsammlung: Malerei (leider wenig), Photographie, Installation, Skulptur, Video und Klang ... Themenbereiche waren nur punktuell auszumachen, ein ausstellerisches Gesamtkonzept, das an das Motto dieser documenta ("Learning from Athens") anknüpft,  hat sich mir nur in manchen Einzelwerken, aber nicht übergreifend erschlossen, aber vielleicht habe ich es einfach auch nicht verstanden . 😏 Dazu ist zu bemerken, dass man sich als Besucher aufgrund der sehr dürftigen Beschriftungen der einzelnen Objekte relativ verloren vorkommt; vom museumspädagogischen Standpunkt aus kann die Ausstellung leider so gar nicht überzeugen und so manches hätte besser gemacht werden können (z.B. auf Cavaletti präsentierte Bilder, wobei aber eines das andere halb verdeckt und man den Besucher damit zwingt, sich um diese Cavaletti herum einen Weg zu bahnen und gleichzeitig zur Folge hat, daß man viel zu nah vor den Gemälden stehen muss und ihre Wirkung aus entsprechender Ferne nicht beurteilen kann, was bei Gemälden unbedingt gegeben sein muss; bei manchen Objekten musste man die Beschreibungen und dürftigen Künstlerinformationen krampfhaft suchen - sie waren -wohl als sehr innovativ gemeint - meist am Boden aufgeklebt, aber darüber hinaus nicht immer leicht zu finden oder dem richtigen Objekt zuzuordnen... ).

Nichtsdestotrotz haben mich einige Kunstwerke sehr beeindruckt.

Die wohl auffallendste Installation ist die viele Meter hohe "Quipu Womb" der chilenischen Dichterin und multidisziplinären Künstlerin Cecilia Vicuna (geb. 1948), die nicht zu Unrecht in den Medien vielfach gewürdigt wurde:





















Ebenso erstaunlich die zu einer 11 Meter breiten Wandmalerei zusammengefügten Gemälde des Inders K.G. Subramanyan (1924-2016), der sich als ehemaliger Ghandi-Aktivist ein Leben lang mit der Trennung der Menschen durch Kultur, Sprache oder Religion künstlerisch auseinandersetzte:


Eine sehenswerte Installation ist auch eine Zusammenstellung von Werken verschiedener Künstler, dem antiken Schönheitsideal und der Herstellung (und endlosen Reproduktion bis hin zum Kitsch) von antiken Statuen gewidmet. Eine Plastik-Gießform für eine riesige Poseidon-Statue als Blickfang dieser Installation, die dann aber bei genauerem Hinsehen vor allem in ihren Photocollagen Interessantes zu bieten hat - Rassentheorien und Hitler inbegriffen (auf ihn werde ich später nochmal zurückkommen).


Wirklich bewegt haben mich aber vor allem drei Künstler, die ich Euch kurz vorstellen will:

Da ist zunächst die israelische Künstlerin Yael Davids, die mit ihrer Hommage an die deutsch-jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler auf dieser documenta vertreten ist: Neben Texten über Lasker-Schüler, die teilweise ausgeschnitten und in Collagen wieder zusammengefügt sind, beeindruckt ein unauffälliges, simples weißes DIN A-4 Blatt mit dem Gedicht "Dem Barbaren" aus dem Jahre 1911 (hier die Originalfassung  ) - aufgestickt mit dem Haar von Yael Davids ...



Ähnlich arbeitete auch die sardische Künstlerin Maria Lai (1919-2013) mit Papier und - diesmal echten - Fäden, mit denen sie ihre Papierbögen teilweise maschinell bestickte und zu Collagen zusammenfügte. Beim ausgiebigen Betrachten dieser Werke gesellte sich eine junge Frau zu uns und erzählte uns kurz die Lebens-geschichte der Künstlerin. Und tatsächlich sah man nach diesen Informationen ihre Werke nochmals in einem anderen Licht: Geboren in einem abgelegenen sardischen Dorf, ohne Zugang zu öffentlichen Schulen, konnte sie erst relativ spät das Lesen und Schreiben erlernen. Ein Onkel wollte ihr eines Tages eine Schreibmaschine schenken, was sie aber ablehnte und lieber eine Nähmaschine haben wollte. Danach begann sie erste Experimente, ihre Texte auf Papier zu "nähen". 
Eine andere Collage zeigt die wundervolle kalligraphische Handschrift von Lai, aber auch da wurden die einzelnen Blätter zusammen- oder übernäht. Einige der Papiere sind verkehrt herum aufgenäht  - ein Hinweis, dass man sozusagen immer auch "hinter" das Geschriebene schauen soll oder alles seine zwei Seiten hat?




Ein weiterer ganzer Raum ist dem interessanten österreichischen Künstler Lois Weingerber (geb. 1947) gewidmet. In kleinen, profanen Pappschachteln sind Funde, die er in der Umgebung des heimatlichen Bauernhofes ausgegraben hat, zu seltsam anmutenden Collagen zusammengestellt. Darunter so Profanes wie Steine, Hölzer und Ähnliches, aber auch Babykleidung, verrottete Buchseiten, Tonscherben, Schuhe, Tierkadaver und vieles mehr. Ein Panoptikum menschlichen Daseins und natureller Relikte, auf ganz anrührende Weise dem Vermodern und Vergessen entrissen ...


Neben der ganz oben erwähnten Vicuna waren diese drei Künstler für mich ganz persönlich die beeindruckendsten dieser Ausstellung. Noch einige Einzelkunstwerke wären zu erwähnen, aber das würde diesen Blog hier sprengen. Hinweisen will ich nur noch auf eine Installation, die von mir als Deutsche natürlich nicht unbemerkt bleiben konnte (und auch von keinem anderen Besucher, denn die großflächigen Hitlerbilder sind nicht zu übersehen):



In deutscher Schrift sind Namen, Geburts- und Todesdaten von Homosexuellen, die unter Hitler in verschiedenen Konzentrationslagern umkamen, auf die Gemälde geschrieben. Damit schloss sich der Kreis zu der oben erwähnten Installation, das antike griechische Schönheitsideal in der Skulpturenkunst betreffend. Man könnte in diesem Rückgriff auf den "Greek Way" gar eine Brücke zu Griechenland geschlagen sehen, so wie es das Motto der documenta und der Ausstellungsort Athen anbieten, bei diesem speziellen Thema hätte ich mir allerdings eine wirklich zeitgenössische Herangehensweise gewünscht, denn das Thema der Verfolgung Homosexueller ist auch im 21. Jahrhundert in vielen Ländern der Welt leider noch brisant genug und sicher ließen sich Künstler finden, die aktuelle Erfahrungen künstlerisch thematisieren.

Man kommt nicht umhin sich zu fragen, nach welchen Kriterien Künstler für so eine Ausstellung ausgewählt werden. Manches erschien mir tatsächlich nicht des Ausstellens wert, manches hätte thematisch ausgebaut werden können, manches erschien mir erst durch den Vorgang des Ausgestelltwerdens überhaupt zur Kunst erhoben zu werden  - allerdings leider nicht im Sinne von Duchamps Readymades.
So verließen wir das Museum mit so manchem Fragezeichen im Kopf, Das obige Zitat von Schlingensief hat sich nicht so ganz erfüllt 😉 Etwas sehr kühl ist das Ganze dann noch inszeniert: Stellenweise hat man das Gefühl, dass etwas "fehlt", dass mehr Kunst hätte Platz finden können. Man spürt, dass dieses Museum noch nicht "eingelebt" ist und eher einer frisch bezogenen Wohnung gleicht, die ihre "Aura" noch nicht gefunden hat. Aber das wird hoffentlich noch kommen. Und so darf man gespannt sein auf die kommenden Ausstellungen - wenn die documenta vorbei ist.










Dienstag, 2. Mai 2017

Die deutsche Leitkultur ...

Und schon wabert wieder so ein Wort durch die Presse und erschlägt die deutsche Öffentlichkeit, das mich zur Weißglut bringt: Die deutsche „LEITKULTUR“ – erst gestern wieder heraufbeschworen von einer der zahllosen, tragischen politischen Fehlbesetzungen, seines Amtes deutscher Innenminister. 
Zustimmung oder Häme in der Presse, zahllose national-bräunlich-gefärbte Kommentare in den sozialen Medien und so manch ironisch-satirisch gefärbter Beitrag, der noch am ehesten Sinn machte in diesem so sinnfreien Zusammenhang …
Sucht man das Wort im Duden oder in einem Etymologie-Lexikon, wird man gewahr, dass es sich um eine der bekannten politikersprachlichen Neuschöpfungen handelt, die jeglichen Tiefsinns oder gar Bedeutung entbehren. Zerlegt man dann das Wort, stößt es mir sauer auf:
Leit-Kultur! Wovon, bitteschön, soll ich mich kulturell „leiten“ lassen? Und wer bestimmt denn das, wovon ich mich „leiten“ lassen soll? Warum müssen wir Deutsche uns eigentlich immer von irgendetwas „leiten“ respektive "führen" lassen? Können wir nicht selbst denken? Brauchen wir politische Nebelkerzen, die uns so überaus generös vernebelnd erklären, wie unsere Kultur auszusehen hat und woran sich „der“ Ausländer gefälligst zu orientieren hat (und genau hier, verehrter Leser, liegt nämlich der Hund dieses Begriffes begraben!)?
Und wenn wir schon über „die“ deutsche Kultur sprechen wollen, wer wäre denn am ungeeignetsten dafür als unsere Politiker jeglicher Couleur?!
Und noch ein abschließender Gedanke: Haben wir das Ganze nicht schon einmal erlebt vor nicht allzu langer Zeit, als ein Mann und eine Partei sich aufmachten, das deutsche Volk zu „führen“? Nicht umsonst paraphrasiert der Duden das Wort als "führende Kultur"!
Insofern verwundert es nicht, dass dieses Wort von (rechts)konservativen Parteifunktionären erfunden wurde …


Samstag, 29. April 2017

Manchmal ...


Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten. - Roger Willemsen

Es gibt Texte, die hauen einen geradezu um und lassen den Leser irgendwie "erschlagen" zurück - im positiven und negativen Sinne.
So erging es mir heute Mittag nach der Lektüre des posthum erschienenen Büchleins "Wer wir waren" von Roger Willemsen.
Der Text besteht im Wesentlichen aus der letzen öffentlichen Rede des Autors. Sein nächstes Buch hätte daraus werden sollen, geschafft hat er es leider nicht mehr. Die Herausgeber haben Willemsens Notizen zu dieser Rede mit berücksichtigt, und so hält man einen Text in der Hand, bei dem man sich ausmalen kann, welch vorzügliches Buch daraus wohl entstanden wäre ...

Diese "Zukunftsrede" beleuchtet unsere heutige Welt und unser Dasein in ihr vom Blickwinkel einer fernen Zukunft aus. Wir sehen also quasi auf uns selbst zurück. Willemsen hält im Wesentlichen (aber nicht nur) ein Plädoyer gegen die fatale Rasanz unserer Zeit mit all ihren im Grunde absehbaren Folgen:

Unsere Existenzform ist die Rasanz. (...) Alles Großaufnahme, alles äußerste Steigerungsform, und wir dazwischen , die umkämpften Abgekämpften. (...) Wenn es also wahr ist, dass wir atomisiert leben, in kurzen Etappen der Präsenz, getrieben vom Etcetera, in einer impulsiven Kultur, aufgelöst in Zonen der peripheren Wahrnehmung, des dezentralen Blickens, dann wäre es eine Voraussetzung für alle Botschaften von verallgemeinerbarem Gehalt, im Sinne Nietzsches dem Auge die Geduld anzugewöhnen, den Impuls zu korrigieren. Im Zögern unterscheidet sich das Denken von der Arbeit. In der Unschlüssigkeit, der verweilenden, unabgeschlossenen Geste, in der Trägheit sogar tun sich Zustände der Sammlung auf. Dieses nicht effiziente, abirrende, irgendwie ausgesetzte Verhalten zur Welt, eines, dem keine App zu Hilfe eilt, dieses desorientierte, sich selbst überlassene Treiben ist im Kern poetisch, aus der Zeit gefallen und deshalb geeignet, ihre Betrachtung aus der Halbdistanz zu stimulieren. 


Der Text ist anspruchsvoll, manchmal auch sperrig, wiederholtes Lesen einiger Textstellen war - zumindest für mich - unumgänglich. Am Ende schließt man das Büchlein, bleibt atemlos, gedankenverloren und angerührt zurück und weiß, dass man es auf jeden Fall nochmals lesen wird. So viele Gedanken, so viel Bedenkenswertes hat dieser viel zu früh verstorbene Autor und beneidenswerte Denker dem Leser da aufgebürdet.

Willemsen bescheinigt uns in seinem  quasi vorausschauenden Rückblick eine Zeit, in der Mensch, Politik, Umwelt und Gesellschaft in einer desaströsen Abwärtsspirale gefangen sind, "obwohl es diese Zeit geradezu zur moralischen Pflicht erhoben hatte, sich nicht einverstanden zu erklären, Kritik als einen Akt der Besonderung, der Abspaltung, ja der Individuation zu interpretieren." Dass wir zu all dem nicht fähig sind, dass wir Glücksrittern gleich unser Dasein verspielen, ohne an die nachfolgenden Generationen zu denken, lässt den Autor in tiefster Resignation, aber vielleicht auch in aufrüttelnder Anklage zurück:


                                    "Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht,
                                          noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat."

 (Hier noch die interessante Rezension von Iris Radisch.)

Donnerstag, 27. April 2017

Freunde sucht man nicht, man findet sie ...


Viele "belächeln" ja soziale Netzwerke wie Facebook und stehen auf dem (zuweilen auch etwas hochmütigen) Standpunkt, dass Freundschaften auf Facebook eben nur "sogenannte" Freundschaften seien, weil sie nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hätten.
Dennoch bietet Facebook vielen Menschen heutzutage eine jederzeit zugängliche Kommunikationsmöglichkeit, und nicht selten lernen sich Menschen kennen, die sich sonst niemals im Leben getroffen hätten ...

Auch ich habe bisher einige Freundschaften auf Facebook knüpfen können, für die ich dankbar bin, die mein Leben immens bereichert haben und die ich nicht mehr missen möchte. Den ersten zaghaften virtuellen Kontakten folgten manchmal reale Kontakte, ein wunderbares Zusammenfinden von "verwandten" Gemütern auch in der wirklichen Welt ...

Und so stand ich heute mit offenem Mund vor einem "Facebook-Überraschungspaket": Eine Facebook-Freundin schickte mir aus meiner Heimat ein sage und schreibe 7 kg schweres Paket - angefüllt mit den wundervollsten Büchern! Man stelle sich das mal vor: Eine kleine "Leihbücherei" unterwegs auf dem Postwege von München nach Athen.
Und zusätzlich noch gespickt mit wunderbaren kleinen Geschenken. Weihnachtsgefühle im Frühjahr! Was will man mehr ... Das Leben kann doch schön sein, trotz aller Widrigkeiten.






Und das Schönste an der Geschichte: Wir werden uns in wenigen Tagen endlich auch "im wirklichen Leben" kennenlernen, wenn diese gute Seele nach Griechenland kommt und einen Zwischenstop in Athen einlegt.
Seien wir also dem virtuellen Leben auch mal dankbar, denn es birgt doch die eine oder andere wunderbare Überraschung.





Donnerstag, 13. April 2017

Καλό Πάσχα - Frohe Ostern ...

Was macht nun ein Ungläubiger mit dem anstehenden Osterfest?  Er erkennt einfach, daß es oft nicht mit wirklichem Glauben zu tun hat. Eher mit Tradition, mit Gewohnheit, mit Brauchtum. 
Lebt man noch dazu in Griechenland, kann man sich dem ganzen Oster-Brimborium auch nicht wirklich entziehen.  In der Karwoche wünscht man jedem, mit dem man redet, notgedrungenermaßen ein frohes Osterfest und die floskelhafte  „frohe Auferstehung“.  Die meisten Freunde und Bekannte fahren in ihre Heimatorte,  gehen in der Osternacht in die Kirche und zünden die obligatorischen Osterkerzen an.  Danach trifft man sich zu Hause, bei Verwandten oder Freunden und isst die traditionelle μαγειρίτσα, eine Suppe aus Gemüse und Eingeweiden.  Am Ostersonntag dann feiert man mit dem obligatorischen gegrillten Lamm. Ein schöner Brauch – nicht mehr und nicht weniger in meinen Augen.
Seltsamerweise habe ich nichts gegen diese Traditionen und Bräuche, wenn man sie denn für sich selbst offen und ehrlich als religiöses Relikt und traditionelle Reminiszenz anerkennen würde. Ich wünschte mir, dass nicht alles so heuchlerisch religiös verbrämt wäre.  Ich respektiere seit jeher diejenigen  Gläubigen, die ihr Leben wirklich ihrem Glauben gewidmet haben. Aber die meisten der an Ostern (oder Weihnachten) plötzlich so gläubigen Menschen rennen doch an den anderen Sonn- und Feiertagen des Jahres auch nicht in die Kirchen. Sie frönen in Wahrheit einem „säkularen“ Glauben – also einem Widerspruch in sich selbst …
Ich selbst bleibe in Ermangelung eines Glaubens gern bei der Vorstellung eines traditionellen Brauches, der gerade hier in Griechenland sehr schön gefeiert wird.

In diesem Sinne wünsche ich allen meinen Freunden an diesem Gründonnerstag Abend Καλό Πάσχα, frohe, geruhsame Ostertage, mit oder ohne Lamm, aber  mit einem augenzwinkernden Zitat …

Samstag, 8. April 2017

Man muß mit den Bildern allein sein. Man muß sich vor den Audiogeräten hüten. Die Bilder sind scheu, sie brauchen Ruhe. - Angelika Overath

Wie meine Blogleser wissen, schreibe ich hier fast nur über die Bücher, die ich nach dem Lesen irgendwie weiter in meinem Herzen tragen werde. Dieses hier gehört nun dazu. Von einer lieben Freundin ausgeliehen, die ganz richtig vermutete, daß es mir besonders gefallen könnte ...
Die fünfzigjährige Anna wird überraschend von ihrem Mann wegen einer Jüngeren verlassen. Ihrem ersten Impuls folgend, begibt sie sich mit spärlichem Handgepäck auf eine Reise ins Unbekannte, die sie nach u.a. nach Schottland, Skandinavien, Amerika, Holland und Paris führen wird. Sie beginnt eine Reise in berühmte Museen dieser Orte und wird dort von jeweils einem Bild "angesprochen" - so erfährt sie Vieles über die in den Bildern abgebildeten Frauen, die von ihrem Leben erzählen, den Gründen, warum sie als Bildmotive ausgewählt wurden und in welcher Beziehung sie zu den jeweiligen Malern standen. All diese Frauen sitzen mit dem Rücken zum Betrachter, aber wundersamerweise drehen sie sich zu Anna um ... Sie begegnet Bildern von Gaugin, Hopper, Segantini, Ingres u.a. .
Anna vertieft sich in diese Bilder, hört den Frauen zu und begreift so auch manches in ihrem eigenen Leben,  Am Ende ihrer Reise in die Kunst und zu sich selbst ist sie eine Andere geworden ...

Die Autorin schreibt eine ruhige, schnörkellose Sprache, die den unaufgeregten Charakter der Protagonistin widerspiegelt. Die Bildbeschreibungen und Bildinterpretationen sind faszinierend, zeugen von der bemerkenswerten Beobachtungsgabe der Autorin und machen beim Lesen tatsächlich Lust auf den nächsten Museumsbesuch. Kleiner Lesetipp: Hilfreich ist auf jeden Fall, die Lektüre des Romans ab und an zu unterbrechen und sich die Bilder im Internet anzusehen, um dem Geschriebenen auch folgen zu können.

Ein ganz kurzer Einschub im Roman, der aus dem Schema der beschriebenen Museumsbilder ausbricht, ist die Konfrontation der Protagonistin mit einem aktuellen Zeitungsbild von vor Lampedusa ertrunkenen Flüchtlingen. Meisterhaft und berührend, wie die Autorin sich diesem schrecklichen Bild auf wenigen Seiten im Roman annähert:

Jetzt sah sie dreizehn Körper nebeneinander aufgereiht gleich hinter der Wasserlinie. Wie eingepackt, oder verpackt.... Und wenn Anna nun blitzartig (entgegen ihrem Verständnis) an Kunst dachte, war das hier doch einfach nur Leben. Oder eben nicht mehr Leben. Ein radikales Ready-Made. ... 
Sie sah die eingehüllten Körper, wie sie so aufgebahrt - aber sie waren ja nicht aufgebahrt! - nebeneinander liegen. Einer längs neben dem anderen, jeder ein wenig verschieden unter seinem sehr weißen Tuch, auf einem weißen, freilich weniger weißen, nassen Sandstrand, vor dem graublauen Saum des Meeres. ... Allein vor Lampedusa sollen bislang 20000 Menschen ertrunken sein. Wiederholt hatte Anna diese Zahl gelesen. Immer war dagestanden "etwa 20000". Nie hatte eine Zeitung geschrieben "etwas 20007". Dabei wäre das genauso richtig oder falsch gewesen. Bei einem Sonderangebot hätte man vielleicht 19999 geschrieben. Die Zahlen in ihrer ungefähren Ungeheuerlichkeit waren bekannt. Wie die Gründe für die Fluchten, die Umstönde der Überfahrten. Normale Skandale im Abendfernsehen, gemütliche Schanden. Warum also sah sie jetzt so genau hin? Warum konnte sie sich nicht von diesen Bildern lösen?
Es waren die Füße.... Füße unter einem zu kurzen Leintuch. ... Bei fast allen jungen Toten kippten, da sie auf dem Rücken lagen, die Füße nach außen, wie Hände, die einen Ball fangen wollten. Da die Öffnungswinkel und die Größe der Füße verschieden waren, hatte ein jeder doch sein eigenes Profil, sein Muster, das in dieser Situation ein Ersatzgesicht war. Der Drittletzte der Reihe hatte die Füße übereinandergelegt, als falte er sie. 
Anna berührte den Bildschirm. Die Paare der Füße waren so klein, daß sie auf ihrer Fingerspitze Platz hatten. Noch vor ein paar Stunden waren diese Füße groß gewesen, zu lebendig für ein Photo. Man hätte sie noch leicht wärmen können. Hier, zieh doch Socken an, hätte man sagen können. Und dann mit warmem Atem pusten und mit den Händen rubbeln. Aber davor freilich hätte man ihnen entgegenschwimmen müssen. Jetzt aber konnte Anna nicht und auch sonst niemand mehr etwas gut machen.

Ein lesenswertes Buch, nicht nur für Kunstfreunde.

Sonntag, 26. Februar 2017

Auf der Welt wimmelt es: Alles ist möglich. - John Cage

Nicht oft kaufe ich mir ein soeben erst erschienenes Buch. Das muß schon ein von mir besonders geschätzter Autor sein und ein besonders interessantes Thema noch dazu. Im Fall von Paul Auster erschien mir das Warten auf die billigere Taschenbuchausgabe definitiv zu lang...

Der Leser taucht in die Geschichte von Archie Ferguson ein, in die Welt der dritten Generation jüdischer Einwanderer in Amerika. Und Auster erzählt von dieser Welt nicht einmal, sondern gleich viermal: Die vier Versionen des Archie Ferguson, nicht linear, sondern parallel erzählt. Jedes Kapitel beinhaltet vier Unterkapitel, den jeweils vier verschiedenen Lebensgeschichten gewidmet.
Allein die Geschichte seiner Vorfahren ist die gemeinsame Konstante. Ausgehend davon enwickelt der Autor vier verschiedene Lebensentwürfe - den äußeren Umständen, aber auch den persönlichen Entscheidungen und nicht zuletzt den von uns nicht beeinflußbaren Zufällen und Unvorhersehbarkeiten geschuldet, diesem uns allen bekannten "General Purer Zufall, dem Kommandeur der Urnen, Särge und sämtlicher Friedhöfe". 
Wir lesen nicht nur vier Geschichten, eng verstrickt mit den historischen Ereignissen der 50er und 60er Jahre, sondern begleiten den äußerst begabten Protagonisten in seiner menschlichen und intellektuellen Reifung - mit unzähligen  Einblicken in Film, Kunst, Literatur und vor allem in das Handwerk des Schriftstellers, denn darin ähneln sich alle vier: in ihrer Liebe zur Literatur und zum Schreiben. 
Die einzelnen Erzählstränge hätten jeweils ein eigenes Buch ergeben können, und ein ungeduldiger Leser könnte getrost auf die Idee kommen, einfach linear zu lesen, indem er sich durch die Kapitel vorblättert. Aber Auster gelingt hier ein meisterhafter Kunstgriff:  Er läßt die vier Erzählstränge in der Romanstruktur parallel ablaufen, verwebt sie aber durch dieselbe Ausgangssituation, denselben Protagonisten in vier Versionen, mit denselben Nebenfiguren und ihre in jeder Geschichte jeweils unterschiedlichen Beziehungen zu ihm. Genau in diesem Spannungsfeld entlädt sich die Eigenheit dieses atemlosen Romans, was dem Leser viel Aufmerksamkeit abverlangt.
Salopp ausgedrückt bekommt man mit diesem Buch vier großartige Prosastücke  zum Preis von einem. Daß man dafür ganze 1200 Seiten im wahrsten Sinne des Wortes "stemmen" muß, sei nur nebenbei bemerkt  und ist bei so einer Thematik und so einem Autor tatsächlich leicht zu verschmerzen  😏.

Ein Leben in vier Versionen erzählen, die zur "Parabel über das menschliche Schicksal und die sich endlos gabelnden Wege" werden. Und so hat der Protagonist das Gefühl, dass "die Gabelungen und Parallelen der eingeschlagenen und nicht eingeschlagenen Wege allesamt zur selben Zeit von denselben Menschen begangen wurden, den sichtbaren und den Schattenmenschen, dass die Welt, wie sie war, allenfalls ein Bruchteil der Welt sein konnte, da das Wirkliche auch aus dem bestand, was sich hätte ereignen können, aber nicht ereignet hatte, und dass ein Weg nicht besser oder schlechter war als ein anderer."

Wer von uns hat sich nicht schon einmal die Frage nach dem "Was wäre gewesen wenn" gestellt? Auster ist diesem Gedanken in seinem Buch nachgegangen, hat daraus vier Versionen eines einzigen Lebens gemacht -  und einen einfach grandiosen Roman geschrieben!
4321 wurde von der Literaturkritik  als "opus magnum" des mittlerweile 70jährigen Autors gepriesen - dem ist nichts hinzuzufügen.
(Dennoch hat so ein Superlativ auch etwas Endgültiges - und ich will nicht hoffen, daß dieses Buch das letzte gute war, das wir von Auster zu lesen bekommen!)  

Samstag, 18. Februar 2017

Athen ist eine süße Stadt. Das Klima ist gut zu den Menschen. Und auch die Menschen, die hier leben, sind zum Glück noch offen für andere und warmherzig. - Nikos Panagiotopoulos

Manchmal berichte ich in meinem Blog ja auch über Griechenland und die aktuelle Situation hier. Heute aber soll es mal kein negativer Beitrag werden, sondern eine kleine Reise "der anderen Art"...
Nach längerer Kälte, eiskalten Winden und grauem Himmel ward uns ein sonniger Samstag beschert mit milden, beinahe schon frühlingshaften Temperaturen. Der ideale Tag, um sich ins Athener Zentrum aufzumachen.
Von meinem Stadtteil im Norden Athens sind es gerade mal 30 Minuten mit dem Zug zum Monastiraki-Platz. Nach den ersten Stationen stieg ein kleiner Zigeunerjunge mit einer Bouzouki zu, an die er einen Plastikbecher geklebt hatte für eventuelle Geldspenden. Mit Todesverachtung legte er los: So falsch und schräg waren sein Spiel und sein Gesang, daß es schon wieder schön war! Und so bekam er doch ein paar Cents von den schmunzelnden Mitreisenden, allein wohl für seine Chuzpe ... Einige Minuten später am Viktoria-Platz lief ein Mann über den Bahnsteig und schmetterte den Reisenden entgegen: "Αφήστε με μόνο μου, είμαι παρέα με τον πόνο μου" - Lasst mich in Ruhe, ich bin in Gesellschaft meines Schmerzes!
Tja, langweilig wird es einem wahrlich nicht, wenn man in Athen mit der U-Bahn fährt....

Angekommen am Monastiraki-Platz, tauchte ich in die Menschenmenge ein, versammelt um eine Tanzgruppe, die traditionelle griechische Tänze aufführte - die installierten Lautsprecher trugen die Musik weit in die umgebenden Straßen hinein. Ungetrübte griechische Lebensfreude trotz all der Widrigkeiten ... und auch der Gedanke, daß dieses bewundernswerte Volk irgendwie doch nie den Mut verliert:


Dann war Einiges für die Werkstatt zu erledigen. Nach der notwendigen Pflicht aber wurde es zusammen mit meiner Freundin vor allem ein Eintauchen in das Athen, das ich seit meinen ersten Besuchen in den frühen 80ern kennen- und lieben gelernt habe. Abseits der großen Einkaufsstraßen und Fußgängerzone, in unmittelbarer Nähe der traditionellen Athener Großmarkthallen, taucht man ein in das "orientalische" Athen, wie ich es immer nenne: Gewürze, Lebensmittel und heimische Erzeugnisse aller Art,  - alles aufbereitet und so schön dargeboten, daß es eine Freude für Auge (und Gaumen) ist:
Aufgefädelte getrocknete Früchte und Gewürze...
Eine wunderbare Idee auch zur Dekoration in der Küche 

Beim berühmten "MIRAN" Wurstwaren aus vielen Ecken der Welt...

Olivenseife zur Fleckentferung und Bimsstein zur Fusspflege ...
Und hier gibt es vieles, was der Selbstversorger zur
Wein- und Ölherstellung so braucht ...
Nicht zu vergessen der traditionsreiche griechische
Bergtee, den fast jeder von uns hier immer im Hause hat ..,
Gelbwurz, Sternanis, Lavendel, Zimt ...
In einer kleinen Seitengasse kauften wir dann ein paar Gewürze und Lebensmittel bei einem arabischen Mini-Markt. Was es da nicht alles zu entdecken gab! Und der arabische Inhaber erklärte uns in gebrochenem Griechisch, aber mit viel Geduld die Besonderheiten der Gewürze und des angebotenen Gemüses ...

So klang dieser Tag im Athener Zentrum langsam aus. Manchmal, wenn ich dann doch mit dem Gedanken spiele, ob es mir in Deutschland angesichts der bestehenden Probleme nicht besser ginge, weiß ich doch insgeheim, daß ich diese Welt hier viel zu sehr vermissen würde. Und dann komme ich zu dem Schluß, daß ich hierbleiben will - egal, was da noch auf uns zukommen mag ...

Allein sie thront in unterschütterlichem Gleichmut über uns - die Akropolis







Samstag, 11. Februar 2017

Die Wahrheit ist hässlich. Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. - Friedrich Nietzsche

Ein sehr interessantes Buch ist mir da per Post aus Deutschland in den Schoß gefallen: Der österreichische Autor Michael Köhlmeier und der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann haben sich gemeinsam auf die Spuren lebensbestimmender Begriffe gemacht. Der Autor erzählt einige antike Mythen, christliche Legenden und Märchen nach. Der Philosoph erklärt und interpretiert dann diese Geschichten. Die Geschichten behandeln zwölf der wesentlichen Grundfragen unseres Daseins: Gewalt, Rache, Lust, Ich, Arbeit, Schönheit, Neugier, Geheimnis, Grenze, Schicksal, Meisterschaft, Macht.

Dieses Buch ist dabei ein willkommener Fundus für alte, dem Einen oder Anderen von uns längst "abhanden" gekommene Geschichten. So begegnen wir u.a. Dädalus, Pallas Athene, Atreus, dem heiligen Ägidius, Luzifer, Hiob und Asklepios. Daß diese Nacherzählungen vom rein literarischen Standpunkt aus leider etwas trocken anmuten, ist nur ein klitzekleiner Kritikpunkt meinerseits. Im Grunde sind sie ja auch nur der Ausgangspunkt für die anschließenden, wirklich hochinteresssanten philosophischen Gedankengänge und Interpretationen, die dem Leser viel Stoff zum Nachdenken bieten und uns vor allem klar machen, wie aktuell und bedenkenswert all diese Geschichten auch in unserer Gegenwart noch immer sind.
Eine überaus interessante Lektüre.
Meinem lieben Freund aus Jugendzeiten sei nochmals gedankt für dieses schöne Geschenk!





Montag, 6. Februar 2017

Die Wunderwelt des Internet....

Ein verspätetes Weihnachtsgeschenk, das letztens per griechischer Schneckenpost ankam... von einem meiner allerliebsten Freunde aus Jugendzeiten, den ich über die vergangenen Jahre in den Stürmen des Lebens "verloren" hatte. Irgendwie fand er mich auf ganz wundersame Weise wieder (da sag mal wieder einer was gegen das Internet ;) ) .

Und nun dieses ganz wunderbare Geschenk, bewußt für mich ausgesucht und begleitet von 2 wunderbaren CDs von Rachmaninov, Brahms und Smetana.... Es sind dies Aufnahmen des Orchesters der deutschen Kinderärzte. Beeindruckend. (Da muss ich einfach auch mal für Musik Werbung machen!)



Wie kommt es, daß sich ein alter Freund nach etwas mehr als 40 Jahren so in mich hineinversetzen kann!? Da kann man nur noch dem Leben - und natürlich meinem Freund - dankbar sein. Das Büchlein ist bereits in "Angriff" genommen. Ich werde beizeiten meine Eindrücke hier berichten.