Donnerstag, 17. Januar 2013

Nothing makes the earth seem so spacious as to have friends at a distance; they make the latitudes and longitudes. - Henry David Thoreau

Noch immer bin ich im kalten und verschneiten Bayern. Noch immer ist viel zu tun, um den Nachlass meiner Mutter zu regeln....
Der Blick von unserem Haus auf die Berge....
 Heute besuchte ich eine alte Schulfreundin und ihre Mutter. Wir haben uns seit so vielen Jahren nicht mehr gesehen! Schon unsere Eltern waren befreundet, und wir beide waren all die Jahre im Gymnasium in derselben Klasse. Eine lange Zeit! Während unseres Studiums haben wir uns irgendwie aus den Augen verloren, dann kamen die Kinder und unser tägliches Leben. Später ließ die große Entfernung die Kontakte noch spärlicher werden. Aber so ganz haben wir einander doch nie vergessen.
Ich habe noch heute ein für mich wirklich kostbares Buch von ihr in meinem Regal stehen: Gedichte von Emily Dickinson. Mit der Widmung:"Nun hast Du endlich Deine eigene Emily Dickinson!"...Wie oft nehme ich immer noch dieses Buch in die Hand (eines jener Bücher, die ich niemals weggeben könnte)  und muß dann natürlich sie denken! Umso mehr hat es mich heute  gefreut, sie und ihre liebe Mutter wiederzusehen....
Diese Begegnung bringt mich wieder auf das Thema Freundschaft und Vergangenheit....wie interessant ist es doch zu sehen, daß alte Vetrautheit sich oftmals nahtlos wieder einstellt, auch wenn viele viele Jahre dazwischen liegen.
Eine Freundin in Athen postete vor einigen Wochen auf Facebook das folgende Zitat:  "Wenn echte Freunde lange nichts voneinander hören, so zweifeln sie trotzdem nicht an ihrer Freundschaft. Diese Freunde gehen einfach miteinander um, als ob sie sich gestern erst gesehen hätten, egal wie lange es schon her ist."
Ein schöner Gedanke, der vor allem uns, die wir im Ausland leben, trösten kann. Gerade für uns ist es wichtig, wenn wir wieder mal in unserem Heimatland sind, solche alten Freunde zu treffen. Im besten Fall spüren wir wieder die oben beschriebene Vertrautheit. Es spielt sicher eine Rolle, daß wir auf eine gemeinsame Vergangenheit zurückblicken können. Die Gespräche drehen sich dann ja auch erstmal um Vergangenes, gemeinsam Erlebtes. Aber natürlich sind wir auch neugierig auf die Neuigkeiten aus dem jetzigen Leben des Anderen.
Interessant an diesen Begegnungen ist auch, daß eine so lange gemeinsame Vergangenheit die unterschiedlichsten Lebensläufe und gegenwärtigen Lebensweisen überlagern kann. Es spielt im Grunde dann auch keine Rolle, daß sich unsere Leben in so unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. Man stellt zwar fest, wie unterschiedlich das jetzige Leben und die Lebensentwürfe eines jeden sein mögen, aber die gemeinsam erlebte Vergangenheit ist doch stärker und bildet die Basis für die alte Vertrautheit.
Ich werde all diese Begegnungen, die ich in den letzten Wochen hier hatte und noch haben werde, mit mir nach Athen nehmen. Sie sind wichtig für mich, wichtiger als all diese Freunde und Bekannten sich vielleicht vorstellen können. So ein Besuch in der "Heimat" ist immer eine Gratwanderung zwischen Freude und Ablehnung, so seltsam das auch klingen mag. Man taucht ein in die eigene Vergangenheit, vergißt aber gleichzeitig nie, daß und warum man sich vor vielen Jahren willentlich von diesem Leben und seiner Umgebung distanziert hat. Ich sehe auch heute noch ganz bewußt all das, wovon ich mich distanzieren wollte - spüre gleichzeitig aber auch ein klein wenig Wehmut, daß ich es vor vielen Jahren hinter mir gelassen habe. Nicht zuletzt denkt man darüber nach, wie das eigene Leben verlaufen wäre, wenn man nicht gegangen wäre, die altbekannte Hypothese der Hypothese der Hypothese....
Aber das ist wohl die Zwiespältigkeit, mit der wir alle leben müssen, die wir seit so vielen Jahren im Ausland sind und soviel (oder so wenig?) hinter uns gelassen haben....