Sonntag, 29. September 2013

Harold konnte an keinem Fremden mehr vorbeigehen, ohne die Tatsache zu würdigen, daß alle Menschen gleich waren und doch einzigartig, und daß darin das Dilemma des Menschseins bestand. - Rachel Joyce

Rachel Joyce, Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Mal wieder ein wunderschönes Buch, das eine Freundin aus Deutschland mitgebracht hat und nun seine "Runde" dreht unter uns Leserinnen hier in Athen! Ich vermute, daß in Deutschland Viele dieses Buch bereits kennen, aber es sei uns verziehen, daß wir hier ab und zu "hinterherhinken".
Rentner Harold erhält eines Tages einen Brief von seiner ehemaligen Arbeitskollegin Queenie, die ihm kurze Abschiedsworte schreibt, da sie sterbenskrank ist. Harold ist tief berührt, beantwortet den Brief und macht sich auf zum Briefkasten...
Dies ist der Beginn einer wundersamen Reise quer durch England, da ihm bewußt wird, daß ein Brief nicht ausreicht. Er will zu Queenie, bevor es zu spät ist: zu Fuß in seinen alten Segelschuhen! Das ist die Ausgangshandlung. So wie ihn seine Füße langsam aber stetig seinem Ziel entgegenführen, so wirft ihn jeder gelaufene Kilometer zurück in seine eigene Vergangenheit und läßt den Leser teilhaben an der Aufarbeitung eines unspektakulären Lebens mit all den Dingen, die einen verletzt haben, die man vesäumt hat, die man bereut hat, die man sich selbst nicht verzeihen kann. Aber nicht zuletzt erzählt das Buch von der Liebe, die alles verzeihen kann, was wir uns gegenseitig irgendwann aus Gedankenlosigkeit oder unerträglichem Schmerz heraus zugefügt haben...

Dies ist ein sehr unaufgeregtes Buch, das den Leser aber gerade deshalb mitreißt. Die Handlung ist, wie man sieht, schnell umrissen, die wenigen Charaktere sind so einfühlsam geschildert, daß sie einem ans Herz wachsen, und man findet viele schöne, besinnliche Einsichten darin.
Ich habe Joyce bisher nicht gekannt, aber ihr Buch ist ein Beispiel dafür, wie gute Literatur auch aus wenig sehr viel machen kann. Eine ideale "Herbstlektüre"...

"Weiter, weiter, weiter. Andere Worte hatte er nicht mehr. Er wußte nicht, ob er selbst diese Worte ausgestoßen hatte, ob sie nur in seinem Kopf widerhallten oder ob ein anderer sie rief. Vielleicht war er der letzte Mensch auf Erden? Es existierte nichts weiter als ein Körper, der einen Weg in sich trug..."