Freitag, 15. November 2013

Die Menschheit ist ein Buch, das immer wieder von neuem aufgelegt wird, ohne die Aussicht, jemals ein Bestseller zu werden. - William Faulkner

So, Madame Bovary hat mich die ganze Woche über begleitet, meine Eindrücke von diesem Buch werde ich aber hier jetzt nicht aufschreiben, erscheint mir überflüssig, da ist wohl alles schon lange gesagt!
Mein zufällger Rückgriff auf dieses Buch hat mich aber auch zum Nachdenken gebracht, vor allem in Zusammenhang mit der Vorlesung von Rainer Schmitz in München. Meine Tochter berichtet mir immer so einiges davon....
Was er da so erzählt über die fragwürdigen Verkaufspraktiken und Werbestrategien durch die Verlage, stimmt einen schon nachdenklich. In einer der letzten Vorlesungen gab er den Studenten zum Beispiel folgende Listen:

Bestseller des Jahrzehnts
Die Spiegel-Liste berücksichtigt die Jahre 2002 bis 2009 und ist hier ergänzt um das Erscheinungsjahr und um die deutsche Gesamtauflage in Millionen (Stand März 2012)

Literatur Jahr Auflage

1 Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Halbblutprinz (Carlsen) 2005 3,8

2 Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phönix (Carlsen) 2003 4,6

3 Joanne K. Rowling: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (Carlsen) 2007 3,9

4 Charlotte Roche: Feuchtgebiete (DuMont) 2008 <1,5

5 Dan Brown: Sakrileg (Lübbe) 2006 <80*

6 Cornelia Funke: Tintenherz (C. Dressler) 2003 <1,7

7 Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (Rowohlt) 2005 2,3 2,7*

8 Stephenie Meyer: Bis(s) zum Abendrot (Carlsen) 2008 2,5

9 Stephenie Meyer: Bis(s) zum Ende der Nacht (Carlsen) 2009 2,5

10 Ken Follett: Die Tore der Welt (Lübbe) 2008

11 Cornelia Funke: Tintenblut (C. Dressler) 2005 <1

12 Paulo Coelho: Der Alchimist (Diogenes) 1988 <22*

13 Francois Lelord: Hectors Reise (Piper) 2004

14 Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Feuerkelch (Carlsen) 2000 4,5

15 Dan Brown: Diabolus (Lübbe) 2006

16 Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Gefangene von Askaban (Carlsen) 1999 4,1

17 Frank Schätzing: Der Schwarm (Kiepenheuer & Witsch) 2004 <4

18 Joanne K. Rowling: Harry Potter and the Deathly Hallows (Bloomsbury)** 2007

19 Cornelia Funke: Tintentod (C. Dressler) 2007 <0,8

20 Stephenie Meyer: Bis(s) zur Mittagsstunde (Carlsen) 2007 2,5

* weltweit seit Erscheinen

** hier tauchte zum ersten Mal ein englischsprachiger Titel auf einer deutschen Bestsellerliste auf!

Man mag zu all diesen Autoren stehen wie man will, jeder soll ja auch lesen, was ihm Spaß macht, aber interessant ist sein Fazit für die Rubrik Literatur allemal:

Die 20 literarischen Spiegel-Bestseller des ersten Jahrzehnts dieses Jahrtausends verteilen sich auf nur 9 Verlage und 10 Autoren.
6 x Rowling (Carlsen, Bloomsbury)

3 x Meyer (Carlsen)

3 x Funke (C. Dressler)

2 x Brown (Lübbe)

1 x Roche (DuMont)

1 x Kehlmann (Rowohlt)

1 x Follet (Lübbe)

1 x Coelho (Diogenes)

1 x Lelord (Piper)

1 x Schätzing (Kiepenheuer & Witsch)
(Rainer Schmitz: Literaturbetrieb in den Medien, LMU München, WiSe 2013)


Und was sagt uns das nun? Zuerst war ich ensetzt, hoffe aber mittlerweile, daß uns diese Bestsellerlisten nicht sehr viel über das tatsächliche Leseverhalten der Deutschen sagen. 
Schmitz' Fazit sagt uns aber sehr viel über die Verlage, die sich teure Werbestrategien leisten können und somit gewisse Bücher auch dementsprechend "pushen" können. Auch ich habe mich schon öfter vom Attribut  "Bestseller" verleiten lassen und so ein Buch gekauft, nur um mich dann beim Lesen zu fragen, warum in aller Welt dieses Buch ein Bestseller sein soll....Es wurde auch die Frage aufgeworfen, ob man sogenannten Leserrezensionen wie z.B. bei Amazon glauben kann. Wer sagt uns denn, daß nicht Verlage selbst dort als camouflierte Leser eine gute Rezension reinstellen?

Und was lehrt uns all das? Wir sollten uns endgültig von den sogenannten Bestsellerlisten verabschieden und uns lieber selbst informieren, welche neu erschienenen Bücher unserer eigenen Meinung nach wert sind, gekauft und gelesen zu werden. Wenn ein Buch an zigster Stelle auf einer Bestsellerliste steht, bedeutet das noch lange nicht, daß es kein gutes Buch sein kann (und vice versa!).Vielleicht ist es ja auch nur in einem kleineren Verlag erschienen, der nicht soviel Geld für die Vermarktung ausgeben kann....
Und oft liegt das Gute auch so nah: in unseren vollen Bücherregalen findet sich sicher der eine oder andere Schatz, den man schon längst vergessen hat...(und höchstens mal beim Abstauben wiederfindet!).