Donnerstag, 26. Dezember 2013

Im Zurückzucken vom Leben, als er nackt war, fühlte er sich schon tot.... - Saul Bellow

....aber irgendwie war es ihm nicht gelungen, wie den anderen, Anschluß zu bekommen. Wenn er das Ereignis, wie er es manchmal tat, mit einem Telefonnetz verglich: der Tod hatte den Hörer nicht abgenommen, um seinen Anruf entgegenzunehmen...

Hier nun also mein "Lesebericht" über ein Buch aus dem Fundus meiner letztens auf dem Basar erstandenen Bücher: Saul Bellows Mr. Sammlers Planet , erschienen 1969.

Wie soll ich dieses Buch beschreiben? Ehrlich gesagt, keine Ahnung!
"Ein 70-jähriger jüdischer Einwanderer, einstmals auf unerträglichste Weise dem Holocaust entronnen, beschreibt sein Dasein im Moloch New York der 60er Jahre, hält Rückschau auf sein Leben und streift dabei die großen existenziellen Fragen unseres Lebens.." Ja, so würde ich das ganze Buch wohl ungenügend in einem Satz zusammenfassen, wäre es nicht gerade von Saul Bellow: Pointierte und lakonische Sprache (auch dank einer tollen Übersetzung), unkonventionelles Gedankengut, auch hintergründiger Humor und vieles mehr... Die Frankfurter Allgemeine schrieb anno 1971: "Saul Bellow ist der geistreiche Romancier schlechthin, ein Erzähler, der seine Bilder von der tragikomischen Selbstbehauptung des zivilisierten Menschen auf überaus attraktive Weise zur Schau stellt." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ich schätze ja meine amerikanisch-jüdischen Erzähler des 20. Jahrhunderts ungemein, allen voran Roth, Begley oder Singer. Nach so vielen Jahren lese ich noch die atem-raubenden Geschichten über diese Lebensläufe. Sie alle sind behaftet mit dieser in Worten im Grunde "unbeschreiblichen" Vergangenheit. Und dennoch stellt sich jeder dieser wunderbaren Autoren auf seine eigene Weise dieser immensen Aufgabe; ich vermute, es war dies auch eine "Überlebens-Notwendigkeit" für all jene, die die seltene Gabe hatten, das Unaussprechliche in ihren Schriften aufzuarbeiten. Eine Stelle bei Bellow fiel mir besonders auf, eine der intelligentesten Essenzen der existenziellen Tragik dieser jüdischen Holocaust-Überlebenden:

"Mr. Sammler hatte einen symbolischen Charakter. Seine Freunde und die Familie hatten ihn zum Richter und Priester gemacht. Und wovon war er ein Symbol? Er wußte es nicht einmal. War es, weil er überlebt hatte? Er hatte nicht einmal das getan, denn von der früheren Person war so viel verschwunden. Das war kein Überleben, sondern ein Überdauern. Er hatte überdauert."

Manchmal beschleicht mich der Gedanke, daß ich noch gerade eben zu der Generation gehöre, die sich aufgrund der Geschichte der Großeltern und Eltern für solche Erzählungen interessiert. So wie die Generation der "Holocaust-Überdauerer" inzwischen fast gänzlich weggestorben ist, so hat die heutige Generation unserer Kinder fast gar keinen Zugang mehr zu dieser, für sie so fernen Vergangenheit. Und sicherlich hatte Bellows Buch im Erscheinungsjahr 1969, als eine zaghafte "Aufarbeitung" der unrühmlichen Vergangenheit Deutschlands ihren Anfang nahm, eine tiefgreifendere Wirkung als beim heutigen Leser....
All dies eben Geschichten, die im frühen 21. Jahrhundert schon Historie sind, aber unbedingt weiterhin gelesen werden und nicht dem heutzutage so angesagten schnellen Vergessen anheim fallen sollten:
"Ich sah, daß Gott vom Tod nicht beeindruckt ist. Die Hölle war seine Gleichgültikeit....Die Widersprüche sind so schmerzhaft. Kein Interesse an Gerechtigkeit? Nichts von Barmherzigkeit? Ist Gott nur der Tratsch der Lebenden?... Es gibt kein Wissen. Es gibt Sehnen, Leiden, Trauern. Diese entstehen aus Bedürfnis, Neigung und Liebe - den Bedürfnissen der lebenden Kreatur, weil sie eine lebende Kreatur  i s t ."