Donnerstag, 6. Februar 2014

Selten hat der Leser Gelegenheit, einer Charakterbildung, einer Menschwerdung derart intensiv zuzuschauen. - A. Seegers

Prolog: "Er ist ein Voyeur des Bösen geworden, starrt gebannt auf die grauenhaften Szenen, die vor seinem inneren Auge abrollen; manchmal weiß er nicht, welchen Part er darin spielt. Mußte das Kind, das er einmal war, sich so entwickeln, ist das der Preis für seine Weise des Überlebens?"

Ein literarisches Wiedersehen: Letztes Jahr sah ich im Fernsehen ein Portrait des amerikanisch-jüdischen Schriftstellers Louis Begley. Entdeckt habe ich Begley vor vielen Jahren und seinen Debütroman Lügen in Zeiten des Krieges gelesen (später auch About Schmidt, der so fantastisch mit Jack Nicholson verfilmt wurde). Und nun fiel mir sein erstes Buch wieder in die Hände:
Αus der Sicht des kleinen Maciek, "geboren ein paar Monate nach dem Reichtagsbrand", wird die Geschichte einer polnisch-jüdischen Familie erzählt, von denen nur wenige den nahen Konzentrationslagern entgehen können. Wir begleiten Maciek auf seinem steinigen Weg in eine am Ende fragwürdige, weil noch immer lügenbehaftete Freiheit. Nicht schon wieder, eine Geschichte von vielen über den Holocaust, werdet ihr jetzt sagen. Was macht dieses Buch für mich aber so besonders?

1. Begley läßt den kleinen Maciek sehr detailliert berichten und reflektieren, sei es über die alltäglichen Ereignisse, wie das Kind sie wahrgenommen hat, sei es über die jeweiligen historischen Gegebenheiten, die das Geschick der Familienmitglieder beeinflussen. Der kleine Junge muß schmerzhaft lernen, wie Überleben eben nur durch notwendige List und Lügen möglich ist: "die Lügen mußten konsistent sein - konsistenter als die Wahrheit". Zu Recht bezeichnete Reich-Ranicki Begley als "gewissenhaften Berichterstatter und nüchternen Chronisten".
 2. Überragend für mich der Prolog, in dem der Autor sich zu erkennen gibt als "Treibgut, untergetaucht und hochgespült, ausgelaugt und gestrandet"; und inmitten des Romans ein plötzlicher Diskurs über die Hölle jener Tage und die literarische Hölle Dantes. Beide Abschnitte nur ein paar Seiten lang, aber große Literatur !
3. Wenn der kleine Junge den täglichen Kampf gegen die Wanzen in seinem Versteck als "Krieg spielen" empfindet, fühle er sich doch wie die SS, die "in den Wäldern die Partisanen oder sehr bald auch im Warschauer Ghetto rebellische Juden vernichtet", dann sind kindliche Naivität und erlebte Realität so anrührend wie erschreckend!  Und so wird diese Chronik des Überlebens eben nicht einfach "heruntererzählt", sondern der Leser wird gerade in all diesen kleinen Details Zeuge der inneren Menschwerdung des jungen Maciek/Louis unter unvorstellbaren Bedingungen.

Wenn ihr dieses besagte Buch nicht kennt, aber z.B. zumindest den Film "About Schmidt" nach Begleys Romanvorlage gesehen habt, stimmt ihr mit mir sicher überein, daß da ein besonderer Autor am Werk war - der übrigens nicht allzu viele Bücher geschrieben hat, weil er seinen Beruf als engagierter Jurist nie aufgegeben hatte. Das eine oder andere Buch von ihm werde ich sicher noch lesen.
So, nun habe ich euch vielleicht auf dieses Buch ein wenig neugierig gemacht... Geschichte muß man eben nicht nur erleben, man muß sie auch erzählen können. Begley kann!