Montag, 31. März 2014

Reichtum besteht nicht darin, viel zu besitzen, sondern sich wenig zu wünschen. - Epikur

Meine Mitbloggerin Mediterrannee (http://mediterraneebooksblog.blogspot.com/) verzeiht mir hoffentlich, daß ich mir hier so einfach das Eingangszitat ihres schönen Posts von gestern "ausgeliehen" habe. Sie schrieb darin u.a. den Satz:
"Trotz dem kleinen Einkommen fühle ich mich reich. Reichtum ist für mich liebevolle Familie und Freunde zu haben, Zeit für mich und meine Lieben zu haben, nicht ständig auf die Uhr schauen zu müssen, eine warme Wohnung zu haben, nicht hungern zu müssen, in einer Demokratie zu leben und mir ab und zu was gönnen, was ich dann richtig mit meinem ganzen Herz genieße!".
Die Titelgeschichte des aktuellen Der Spiegel lautet themenverwandt: "Verzicht ist zur Modetugend geworden. Weniger Konsum verspricht mehr Lebensqualität. Aber taugt der Wunsch nach dem einfacheren Leben auch als Programm für die gesamte Gesellschaft? Kann ein Land ohne Wachstum leben?" Ich habe den aktuellen Spiegel noch nicht, aber die Koinzidenz ist doch witzig!
Jedenfalls denke ich oft darüber nach, seit wir bis zum Hals in der Krise stecken, wie ich noch vor ein paar Jahren gelebt habe und wie ich heute lebe. Ich sehe Freunde und Bekannte um mich herum: Jene, die von der Krise eigentlich nicht grundlegend betroffen sind, und jene, die dasselbe mitmachen wie ich. Ich sehe das Mitgefühl (aber doch eigentlich Nicht-Nachvollziehen-Können) bei jenen, denen es weiterhin ganz gut geht, und ich sehe die tiefe Verzweiflung bei jenen, die auf einmal zusehen mußten, wie ihre jahrelange Arbeit null und nichtig erklärt wurde und alle Lebenspläne über den Haufen geworfen wurden.
Ich selbst sehe mich so im unteren Drittel: Noch muß ich zwar im wahrsten Sinne des Wortes nicht hungern (sonst wäre ich sicher ein paar Kilo leichter...). Ich weiß aber andererseits, daß sich zu meinen Lebzeiten die Dinge für mich nicht mehr wesentlich zum Besseren ändern werden, so sehr ich auch jeden Tag kämpfe - in der Hoffnung, es möge zumindest so bleiben, wie es momentan ist!!!
Und da kommt der Punkt, den Mediterranee oben ausgedrückt hat: man wird bescheiden, man lernt notgedrungenermaßen, sich zu beschränken auf das Wesentliche! Auch ich bin froh, wenn ich meine monatliche Miete erwirtschaften kann, wenn ich Strom und Telefon bezahlen kann, wenn ich zum Supermarkt gehen kann und noch mein kleines, altes Auto weiterhin unterhalten kann....Mehr ist nicht. Für alles Weitere wird jeder Euro hin und her gedreht!
Ich träume zwar ab und an noch von einer kleinen Reise, z.B. von der Möglichkeit, meine Tochter in München besuchen zu können, wann immer mir danach ist, oder noch einmal nach Italien, oder, ganz vermessen, einmal im Leben nach New York...aber, wenn der Morgen graut, muß ich  akzeptieren, daß dies nur noch Wunschträume sind.
All das hat man gelernt zu akzeptieren. Was mir jedoch am meisten weh tut, ist, daß ich meinem einzigen Kind nicht mehr die wenigen Dinge finanziell ermöglichen kann, die für andere Eltern eine absolute Selbstverständlichkeit sind - und ich rede hier nicht von irgendwelchen kostspieligen Dingen!
Ich sehe andererseits aber auch, daß ich ein Kind habe, das sich klaglos in die neue Situation gefügt hat, das noch dazu soviel Verständnis zeigt, daß mir auch das schon wieder weh tut....Ein Glücksfall, dieses Kind, ich weiß, ein Glücksfall auch die bedingungslose Liebe zu uns, die sie damit ausdrückt!
Und damit sind wir wieder beim Wesentlichen: dieses enge Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern, das ich gerade bei denen beobachten kann, die von der Krise am härtesten betroffen sind! Insofern stimmt der Gedanke, daß existenzielle Nöte oft auch die Menschen näher zueinander bringen. Und ich empfinde diesen nicht materiellen Reichtum in den letzten Tagen sehr, da ich meine Tochter bei mir habe. Und dieses "Bei-mir-Haben" meine ich wortwörtlich: Endlose Stunden, die wir gemeinsam bei Spaziergängen in der Stadt oder auf unserer Couch verbringen, uns die Zeit vertreiben mit Reden, Filmen, mit Büchern, mit Lachen, mit Umarmen, mit Unsinn.....was will ich mehr?!!!! 
Die Abende sind lang letztens, ich bin total übermüdet, aber im Herzen froh! Insofern hat Epikur doch recht, oder ?
P.S. Was der Spiegel-Artikel wohl zu sagen hat? Kann ein Land ohne Aufschwung etwas Positives in der Krise sehen? Ist freiwilliger Konsumverzicht mit einer aufgezwungenen Krise vergleichbar?