Samstag, 15. März 2014

Wer nicht mehr lernen kann, kann sterben. - Thomas Brasch

Neulich....sah ich im Fernsehen den herausragenden Film "Das Wünschen und das Fürchten" von Christoph Rüter über den 2001 verstorbenen deutschen Schriftsteller Thomas Brasch. Ich habe ja schon mal vor längerer Zeit hier auf ihn hingewiesen. Meine Tochter ist gerade mal wieder "bei Mama" auf Besuch, wir sahen uns den Film also gemeinsam an. Da sie Näheres über Brasch wissen wollte, suchten wir im Web herum und stießen auf eine Site, die sich vor allem mit einem seiner berühmtesten Gedichte auseinandersetzt (das ja auch eines meiner Lieblingsgedichte der zeitgenössischen Literatur ist - hier nochmal für meine erst letztens hinzugekommenen Leser):

         Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber

            wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
            die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
            die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
            wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
            wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
            Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.
          


Ich glaube, daß Viele von uns verstehen, was Brasch hier ausgedrückt hat. Oft wird dieses Gedicht exemplarisch für das Dasein des heutigen Menschen zitiert und in alle möglichen Richtungen interpretiert. Zweifelsohne bietet es sich dafür auch an.
Sehr schön fand ich allerdings ein dazu angeführtes Zitat von Friedrich Nietzsche aus den "Unzeitgemäßen Betrachtungen". Man mag kaum glauben, wie aktuell diese Gedanken nach immerhin 140 Jahren sind:
»Wir wissen es alle in einzelnen Augenblicken, wie die weitläufigsten Anstalten unseres Lebens nur gemacht werden, um vor unserer eigentlichen Aufgabe zu fliehen, wie wir gerne irgendwo unser Haupt verstecken möchten, als ob uns dort unser hundertäugiges Gewissen nicht erhaschen könnte, wie wir unser Herz an den Staat, den Geldgewinn, die Geselligkeit oder die Wissenschaft hastig wegschenken, bloß um es nicht mehr zu besitzen, wie wir selbst der schweren Tagesarbeit hitziger und besinnungsloser frönen, als nötig wäre um zu leben: weil jeder auf der Flucht vor sich selbst ist; allgemein auch das scheue Verbergen der Hast, weil man zufrieden scheinen will und die scharfsichtigeren Zuschauer über sein Elend täuschen möchte, allgemein das Bedürfnis nach neuen klingelnden Wort-Schellen, mit denen behängt das Leben etwas Lärmend-Festliches bekommen soll ... Es geht geisterhaft um uns zu, jeder Augenblick des Lebens will uns etwas sagen, aber wir wollen diese Geisterstimme nicht hören. Wir fürchten uns, wenn wir allein und stille sind, dass uns etwas in das Ohr geraunt werde, und so hassen wir die Stille und betäuben uns durch Geselligkeit.«
Aus: Ludger Schulte, Gott suchen - Mensch werden. Vom Mehrwert des Christseins. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2006.

In diesem Sinne ist es immer wieder wert, sich die Worte Braschs in Erinnerung zu rufen. Und ich werde mir, sobald es finanziell geht, seinen über 1000 Seiten langen Gedichtband "Die nennen das Schrei" schenken, der letztes Jahr im Suhrkamp-Verlag erschien...

Allen von euch, die Brasch noch nicht kennen, sei als Einstieg der Spiegel-Artikel aus dem letzten Jahr empfohlen: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-95169309.html