Mittwoch, 16. April 2014

Ich fühlt' den Spalt in meinem Geist, als wär' mein Hirn zerteilt. Zusammennähen wollt ich es, doch blieb es ungeheilt. - Emily Dickinson

Das nächste Buch aus meinem letzens gelieferten "Gebrauchte-Bücher-Stapel":
Siri Hustvedt, Die zitternde Frau.
Meinen Lesern wird der Name irgendwo bekannt vorkommen, gehört sie doch zu den Autoren, die ich sehr gerne lese. Dies hier nun ist ein Buch, das nichts mit ihren Romanen zu tun hat, sondern von ihr selbst erzählt.
Siri Hustvedt, Ehefrau des überragenden, amerikanischen Romanciers Paul Auster und selbst eine begabte Autorin, erzählt die Geschichte ihrer eigenen Krankheit: Eines Tages, vollkommen aus dem Nichts heraus, bekommt sie während einer Rede einen "Zitteranfall". Sie wird geradezu druchgeschüttelt, kann aber gleichzeitig normal weitersprechen. Ein Rätsel!
Es beginnt daraufhin eine Odyssee von Arzt zu Arzt, zu Neurologen, Psychologen, Psychiater etc. Panikattake, Epilepsie, Migräne, Schizophrenie u.a....alles wird durchgekaut. Als niemand eine für sie befriedigende Erklärung liefern kann, beginnt sie, sich mit ihrer Historie auseinanderzusetzen. Sie macht sich auf die Suche und beginnt, alles über neurologische und psychologische Studien und Krankheitsberichte zu lesen, was ihr unterkommt. Ihr Mann meint sogar, sie sei besessen davon. So ist das Buch stellenweise auch sehr "wissenschaftslastig" - und ich habe so Manches davon auch quergelesen, weil ich grundsätzlich den kruden Naturwissenschaften noch nie sehr zugeneigt war. Aber man interessiert sich dennoch für die Person hinter ihren Romanen, die intellektuell geprägt ist und sich nicht zufrieden geben will mit den vielfältigen, schwammingen, sich auch oft widersprechenden "Diagnosen" der diversen Fachidioten, denen sie auf ihrer Suche so begegnet...
Am Ende des Buches steht nicht die allgemeingültige, wissenschaftlich fundierte Diagnose, aber ihr eigenes Fazit. Aus vielen kleinen wissenschaftlichen und psychologischen Bausteinen ergibt sich ihre Erkenntnis, daß man nicht Alles physisch, neurologisch oder gar psychologisch erklären kann und daß man sich trotzdem selbst annehmen kann:
" Im Mai 2006 stand ich unter einem wolkenlosen blauen Himmelund begann, von meinem Vater zu sprechen, der seit über zwei Jahren tot war. Sobald ich den Mund öffnete, fing ich heftig an zu zittern. Ich zitterte an jenem Tag, und an anderen Tagen zittere ich wieder. Ich bin die zitternde Frau."