Donnerstag, 29. Mai 2014

Können Sie die Sprachkultur pflegen?

Neulich....schrieb ich nach langer Zeit mal wieder einen Brief per Hand an eine hochbetagte Freundin meiner verstorbenen Mutter. Irgendwie erschien es mir unpassend, dieser alten Dame auf dem Computer geschriebene Zeilen zu schicken. Also saß ich eine ganze Weile und mühte mich mit meiner Handschrift ab, damit das Ganze auch gut lesbar ist. Danach ging mir durch den Kopf, wie sehr ich eigentlich diese Kommunikationsart vermisse - und die damit verbundene geruhsame Beschäftigung mit unserer Sprache.
Da sind wir nun stundenlang im Internet, lesen, schreiben, kommentieren...und meist geben wir uns dabei keine besondere Mühe mehr mit unserer Sprache. Die neuen Kommunikationsmedien wie email, twitter oder facebook sind auf Schnelligkeit und Vergänglichkeit angelegt, also was soll da noch die Beschäftigung mit der Frage, ob ich richtig oder falsch schreibe?
Was lese ich nicht so an sprachlichen und orthographischen Fehlern in emails, Blogs oder Kommentaren/Texten auf facebook. Meist gehe ich wohlwollend davon aus, daß der Schreiber einfach nur so gehetzt ist, um den modernen Geboten der Zeitersparnis und Schnelligkeit im Gedanken- und Meinungsaustausch "gerecht" zu werden. Und ich nehme mich selbst davon nicht aus! Aber sollten wir nicht, bevor wir unsere Meinung kundtun, erstmal unserer Sprache gerecht werden? Wozu lesen wir denn all die Bücher - vor allem wir hier im Club der Bücherwürmer? Beurteilen wir denn nur noch den Inhalt und vergessen dabei die unermeßliche Kraft des inspirierenden Wortes? Wie oft streiche ich mir beim Lesen ein Wort oder einen Ausdruck an, nur, weil er mir gefällt! Literatur wäre undenkbar ohne den richtigen und kreativen Sprachgebrauch....
Ein paar literaturferne Textbeispiele in meinem privaten Umfeld haben mir in den letzten Wochen wieder beispielhaft gezeigt, wie sehr ein schlecht geschriebener und orthographisch fehlerbehafteter Text von einem interessanten Inhalt ablenken kann und natürlich auch vice versa: Wie schade dann, wenn ein guter Gedanke im schlecht geschriebenen Satz "auf der Strecke" bleibt, und wie interessant, wenn eine unter Umständen zweifelhafte Feststellung einfach nur kraft ihrer sprachlichen Korrektheit und guten Wortwahl den Leser beeindruckt. Ich möchte deshalb an uns alle appellieren, die wir bloggen, mailen, kommentieren und schreiben, uns nicht nur auf unsere Inhalte zu konzentrieren, sondern vorrangig unserer Sprache den angemessenen Raum zu geben. Schulden wir nicht zuletzt auch jedem unserer Leser den nötigen Respekt? Laßt uns nie davon ausgehen, der Leser erkenne unsere Fehler nicht! Wir sollten immer unser Bestes geben...
Und da man sprachlich niemals auslernt, freut mich  ein wöchentlicher Post auf facebook ganz besonders:
Unter dem Titel "Können Sie die Sprachkultur pflegen?" postet "Die Zeit" seit einigen Wochen Korrekturbeispiele aus ihrer Redaktion. Dabei werden dem Leser jede Woche Texte aus der "Zeit" präsentiert. Die Sprachliebhaber sind dann aufgerufen, den versteckten Fehler im besagten Text zu finden. Dabei kann es sich um Sinnfehler, orthographische oder Grammatikfehler handeln. Im Anhang gibt es die Auflösung und den Kommentar des hauseigenen "Sprachpapstes" Oliver Voß. Für mich ist das jedesmal ein höchst vergnüglicher Zeitvertreib.Von den vier bisher veröffentlichten "Sprachrätseln" habe ich immerhin drei richtig lösen können, beim letzten Beitrag mußte ich mir allerdings nachträglich an den Kopf fassen, hatte ich einen dicken Grammatikfehler partout nicht erkannt......Asche auf mein Haupt!

Wie ist jede - aber auch jede - Sprache schön, wenn in ihr nicht nur geschwätzt, sondern gesagt wird! - Christian Morgenstern
          In alten Zeiten gingen die Leute nicht so leichtfertig mit der Sprache um, 
         denn sie hatten Skrupel, daß sie hinter ihren eigenen Worten zurückbleiben könnten.
         Confuzius

          Man kann sagen: Ich richte hin, ich werde hingerichtet, aber nicht:
          ich bin hingerichtet worden. - Danton

         Die Sprache ist die Form, die Gestalt, das Gewand des Geistes. - Dostojewskij