Dienstag, 6. Mai 2014

Um mich herum wurde von vielen geflüstert, gemurmelt und wiederholt: "Die Krematorien!"


Dieses Buch aus meinem "Stapel ungelesener Bücher" bekommt seinen verdienten Platz in meinen Bücherregalen....
Imre Kertesz, der ungarische Nobelpreisträger, legte hier im Jahre 1975 seinen Erstlingsroman vor, der mit den nachfolgenden Romanen Fiasko, Kaddisch für ein ungeborenes Kind und Liquidation die "Tetralogie der Schicksalslosigkeit" bildet.
Es beginnt damit, daß der Vater des jungen Budapester Juden Györgi "zum Arbeitsdienst" abgeholt wird. Der Abschied vom Vater fällt dem 15-jährigen zwar schwer, aber dennoch kann er noch nicht im geringsten abschätzen, was "Arbeitsdienst" in jenen Jahren für Juden bedeutete. Er wird selbst kurz darauf auf dem Weg zur Zwangsarbeit in einer Ziegelei verhaftet: und damit beginnt die eigentliche Geschichte, sein Weg nach Ausschwitz und Buchenau. Man muß darauf hinweisen, daß Kertesz selbst als Jugendlicher ein Jahr in Auschwitz und Buchenau verbracht hat, auch wenn er immer wieder betonte, sein Roman sei keine Autobiographie - zumindest wird dem Leser klar, daß dieser Mann weiß, worüber er schreibt!

Die durchgängige Beschreibung der Ereignisse durch die Augen des jungen Györgi, mit all ihrer Naivität, dem altersgerechten Urvertrauen in Ordnung und Menschlichkeit, dem nicht Wahrhabenkönnen und nicht Verstehenkönnen des unmenschlichen Chaos um ihn herum macht das Buch so interessant. Da berichtet ein lebenshungriger Jugendlicher, dem bisher in seinem Leben nur Gutes widerfahren war! So handelt die Geschichte eigentlich in ihrer minutiösen Beschreibung des Alltags im Lager von der schleichenden Bewußtwerdung des Grauens, dem Györgi plötzlich ausgesetzt ist... Nach seiner Rückkehr nach Budapest bleibt dem Überlebenden nur das Fazit:

..."es gibt keine Absurdität, die man nicht ganz natürlich leben würde,
 und auf meinem Weg, das weiß ich schon jetzt, lauert wie eine 
unvermeidliche Falle das Glück auf mich. Denn sogar dort, 
bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas,
das dem Glück ähnlich war".

Ein eindringliches und in seiner erstaunlich wertfreien Erzählweise total erschütterndes Buch!
Die Begründung für den Literaturnobelpreis 2002 für Kertesz lautete, daß er den Preis erhalte für ein Werk, "das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet".