Donnerstag, 15. Mai 2014

Vorurteile....

Am vergangenen Wochende fand ja wieder mal der - unsägliche - Grand Prix d'Eurovision statt.
Eigentlich habe ich das Ganze nur so nebenbei mitbekommen, aber interessant fand ich dann doch, als ich las, wer gewonnen hat....
Conchita Wurst - eine österreichische Dragqueen, die ihre Kunstfigur noch dadurch aufbricht, indem sie/er in Frauenkleidern, aber mit Vollbart auftritt....Das Erstaunlichste an diesem "Sieg" sind jedoch die Berichterstattung und Wertung durch die Medien, die ich daraufhin auf Facebook verfolgen konnte: Von einem ja soooo vorurteilsfreien Europa war dort auf einmal die Rede, und von einem ganz gegensätzlich konservativem Ostblock. Man konnte sich ob unserer anscheinend so fortschrittlichen Vorurteilslosigkeit endlich mal wieder selbst auf die Schulter klopfen...
Diverse Posts in Facebook haben mich dann doch ein wenig nachdenklicher gemacht.....
Wie sieht es denn eigentlich aus mit meinen eigenen Vorurteilen?
Ich glaube, daß ich im Wesentlichen ein sehr vorurteilsfreier Mensch bin, vielleicht auch, weil ich im Ausland lebe und jeden Tag mit einer anderen - dh. nicht-deutschen - Mentalität konfrontiert bin. Ein Lebensmotto hatte ich jedoch schon sehr früh: "Leben und leben lassen". Natürlich bin auch ich nicht 100%ig vorurteilsfrei, aber ich versuche zumindest, mir nicht anzumaßen, die Lebensweise oder persönlichen Präferenzen eines Anderen grundsätzlich in Frage zu stellen. Es mag mir nicht immer gelingen, so im alltäglichen Einerlei: Der eine oder andere bissig-bayerische Kommentar entfährt mir dann schon ab und an....Ich bin mir aber immer darüber im Klaren, daß wir uns niemals gänzlich in die Lage und kulturellen Hintergrund eines jeden Mitmenschen hineinversetzen können und deshalb auch keinerlei Recht haben, über eines Anderen Lebensauffassung und -weise zu richten....
In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich an ein interessantes Buch, in dem ich in diesen Tagen dann wieder mal geblättert habe...
Ustinov führt seine eigene Vorurteilslosigkeit auf seine internationale Abstammung zurück, die er über mehrere Jahrhunderte zurückverfolgt hat und mit viel Humor in dem Buch "aufarbeitet". Aber er raisonniert auch über diverse historische und aktuelle Vorurteile, die sich hartnäckig halten, obwohl die Tatsachen das Gegenteil beweisen. Die Themenvielfalt ist bestechend. Da stehen dann so kluge Sätze wie:

 Vorurteile sind vernagelte Türen zu Zimmern, in die kein frisches Lüftchen dringt und in denen vermutlich alles mit Spinnweben überzogen ist.

Das Vorurteil ist ein Schurke, womöglich der größte Schurke in der Geschichte von uns Menschen.

Die Religionen sind Produzenten von Vorurteilen, weil sie auf Dogmen beruhen, weil sie geschlossenen Systeme sind.

Die Halbwahrheit, das ist der Tümpel, in dem das Vorurteil schwimmt.

Neugierig auf mehr? Besorgt euch dieses Büchlein, in dem man ganz entspannt mal hier und mal da aufschlagen kann. Egal, über welches Vorurteil er da schreibt, immer wird man überrascht von Ustinovs intelligenten, humorvollen und oft auch bissigen Kommentaren und Analysen.
In diesem Sinne: wir müssen uns selbst an die Nase fassen und jeden Tag versuchen, uns von den uns implantierten Vorurteilen zu befreien!