Mittwoch, 11. Juni 2014

Die großen Gebäude sind gleich den großen Gebirgen ein Werk der Jahrhunderte. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer. - Victor Hugo


Victor Hugo - ein früher Denkmalschützer...
Ja, was soll das denn jetzt, werdet Ihr Euch fragen! Und dennoch will ich heute nicht einfach über meine Eindrücke der Lektüre von Victor Hugos "Notre Dame von Paris" schreiben. Buch und Geschichte sind hinreichend bekannt. Viel eher will ich Euch ganz schnell noch neugierig machen auf die eigentliche "Protagonistin" des Buches, die Kathedrale Notre Dame de Paris, erbaut im Übergang von der Romanik zur Gotik. Nicht umsonst nannte Hugo sein Buch nicht "Der Glöckner von Notre Dame", unter dem es zeitweise im deutschen und englischen Sprachraum erschien, wodurch das Buch nur auf die Geschichte um den entstellten Quasimodo und die schöne Zigeunerin Esmeralda reduziert wurde. Aber das ist im Buch nicht der einzige Handlungsstrang.
Hochinteressant sind die Kapitel und Textstellen über das spätmittelalterliche Paris und über die Kathedrale selbst. Victor Hugo erweist sich hier als beeindruckender Chronist, denn seine Anmerkungen zur Baugeschichte, zu den schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts sichtbaren Zerstörungen, baulichen Veränderungen und nachträglichen Architektursünden am Gebäude sind erstaunlich. Offen und oft beißend ironisch prangert er diese "unzähligen Verunstaltungen aller Art"
an: die Buntglasfenster, die im Zeitalter der Aufklärung durch "die kalten, weißen Scheiben" ersetzt wurden, die zahlreichen Steinfiguren, die an den Türmen und im Chor entfernt wurden, das Vierungstürmchen, das "um 1787 Opfer eines mit Geschmack begabten Architekten geworden [ist], der ihn abtragen ließ", der "schöne gelbe Anstrich, mit dem unsere barbarischen Erzbischöfe ihren Dom geschändet haben" und so fort...
Zusammenfassend schreibt er:" Wenn wir die Muße hätten, mit dem Leser die verschiedenen Spuren der Zerstörung [..] einzeln zu prüfen, so würde es sich zeigen, daß die Zeit den geringsten Anteil daran hat, den schlimmsten Anteil aber die Menschen und besonders die Jünger der Kunst". Welch ein Rundumschlag!
Aber nun das Wichtigste überhaupt: Erst aufgrund Hugos Roman wurde 1845 die erste grundlegende Restaurierung von Notre Dame in Auftrag gegeben. Eben in diesem Sinne war er ein Denkmalschützer der ersten Stunde!
Und das Buch selbst? Noch bleiben mir ein paar Seiten, aber was könnte ich dazu noch sagen? Natürlich ist es ein ganz wundervolles Buch, informativ, unterhaltsam, anrührend und und und. Natürlich sollte man es lesen, natürlich gehört es zur großen Weltliteratur...