Montag, 9. Juni 2014

We are losing the art of reading....

Neulich... las ich einen wirklich tollen Artikel des Guardian über den Verlust der Kunst des Lesens:  http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/jun/08/art-reading-pleasures-content-books?CMP=fb_gu.
Ein Artikel, dem ich voll und ganz zustimme. Die Hauptaussage war für mich, daß die "traditionellen Freuden des Lesens komplexer sind als andere Vergnügungen. Sie erfordern Geduld, Abgeschiedenheit, Kontemplation. Und deshalb sind jene Bücher am meisten gefährdet durch unser Defizit an Aufmerksamkeit und Aufrichtigkeit, die ein wenig Anstrengung benötigen."
Ich stelle auch an mir selbst fest, daß manche Bücher eben genau die Anstrengung, Geduld und Kontemplation von mir fordern, von denen im Artikel die Rede ist. Man hat all dies nicht immer, bzw. immer seltener in der heutigen Zeit.  Ich denke dabei an meine letzte Sommerlektüre von Ulysses: Das war tatsächlich nur möglich, weil ich mir selbst die nötige Zeit, innere Abgeschiedenheit, Beharrlichkeit und Geduld geradezu auferlegt hatte. Und ich denke auch an meine weiterhin verzwickte "Lesebeziehung" zu Saul Bellow, dem ich die nötige Aufmerksamkeit und Ruhe bei manchem seiner Bücher noch nicht wirklich schenken konnte.
Interessant fand ich dazu den Gedanken des Autors, daß er von einem Defizit an "integrity" schreibt. Darüber mußte ich wirklich etwas nachdenken. Aber ist es nicht richtig, daß wir jedem Buch auch ein gewisses Maß an Aufrichtigkeit schulden? Ich verstehe das so, daß wir frei von vorgefertigten Meinungen ein Buch in die Hand nehmen sollten und uns auf das Abenteuer einlassen sollten, wohin auch immer es uns führen mag. Nicht immer wird dann eine "Liebesbeziehung" daraus entstehen, na und? Aber wir waren zumindest so aufrichtig, dem Buch eine Chance zu geben. Eine Mitbloggerin berichtete kürzlich über die Lektüre von Henry James. Sie fand das Buch überaus langweilig und nichtssagend. Aber sie hat sich dem Buch immerhin erstmal aufrichtig genähert, wie ich glaube.
Überspitzt beschreibt der Autor des Artikels unser heutiges Leseverhalten wiefolgt:
"Der angeborene menschliche Wunsch, uns immer etwas schlauer darzustellen als wir sind, verbunden mit dem Überangebot an Auswahl und der kulturellen Bombardierung des digitalen Zeitalters, bedeutet, daß uns zunehmend die Zeit und der Willen fehlen, uns auf etwas einzulassen, das mehr als 140 Buchstaben hat...."
Dies erinnerte mich wieder an Alberto Manguels wunderbares Buch "Eine Geschichte des Lesens", auf das ich schon einmal hingewiesen habe. Manguel beschreibt die Beziehung zwischen Leser und Buch als Interaktion, insofern als "die Bedeutungsspanne eines Textes mit den Bedürfnissen und dem interpretatorischen Geschick des Lesers wächst. Er kann dem Text eine Botschaft entnehmen, die weder zu dem Text selbst noch zu dem Autor in ureigentlicher Beziehung steht. ...Mit Hilfe seiner Ignoranz, seines Glaubens, seiner Intelligenz, mittels List und Tücke und dank seiner Phantasiebegabung schreibt der Leser den Text neu." Demnach ist auch das Lesen eine Kunst, oder nicht!? Wir sollten sie weiter pflegen, digitales Zeitalter hin oder her.
Und welches Buch auch immer wir lesen, wir sollten es mit der oben geforderten Integrität und Ruhe tun.
Der Artikel aus dem Guardian endet denn auch mit der so schönen Erkenntnis:
 "The old "no talking" signs in libraries were there for a reason. 
It's not what we read that matters; it's how."