Mittwoch, 2. Juli 2014

Die Nacht gebiert Fratzen, ihre Fragen sind von eisiger Logik - Michael Kleeberg

Heute möchte ich Euch mal wieder ein Buch vorstellen, das mich vom ersten Moment an gefesselt hat: Barfuß - Eine Novelle von Michael Kleeberg, erschienen 1995.
Arthur K. ist Mitinhaber einer Pariser Werbeagentur und dort tätig als Werbetexter, mit dem Traum, eines Tages doch noch Schriftsteller werden zu können. Er findet eines Morgens auf seinem Computer die Anzeige eines sadomasochistischen Erotik-Services. Nach anfänglichem Zögern loggt er sich dort ein, es kommt tatsächlich zu einer Verabredung mit einem geheimnisvollen Mann. Die erotische Erfahrung, die er bei diesem Treffen macht, wird sein Leben von Grund auf in Frage stellen...
Sehr viel mehr war auch dem Klappentext nicht zu entnehmen, und zuerst fand ich das gar nicht so spannend. Mehr interessierte mich die angekündigte literarische Gattung Novelle, die in der zeitgenössischen deutschen Literatur nicht mehr allzu häufig anzutreffen ist.
Als Prosagattung ist die Novelle (ital. novella - Neuigkeit) zunächst schwer von einer längeren Kurzgeschichte zu unterscheiden. Als gattungstypisches Vorbild wird natürlich Boccaccios Novellensammlung "Decamerone" angesehen. In der deutschen Literatur war die Novelle vor allem im 19. Jahrhundert sehr populär. Viele von uns werden dabei an die klassische Schullektüre denken: Ebner-Eschenbachs "Judenbuche", Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe", Mörikes "Mozart auf der Reise nach Prag" u.a.. Theodor Storm schrieb, daß die Novelle zwei zentrale Eigenschaften habe: die Behandlung der tiefsten Probleme des Menschenlebens und ein im Mittelpunkt stehender Konflikt, von welchem aus das Ganze sich organisiert (Sämtliche Werke. Hrsg. A. Köster, Leipzig 1924, VIII, S. 122).
Wie es der mäßigen Länge eines solchen Textes entspricht, handelt es sich immer um verdichtete Erzählungen. Meist befindet man sich sofort mitten im Geschehen mit nur wenigen Protagonisten. 
Alles kreist um und geht aus von der "Neuigkeit" oder "unerhörten Begebenheit", wie Goethe es nannte. Der komprimierte Text verlangt vom Autor denn auch eine aufs Wesentliche reduzierte Erzählweise. Der Autor hat keinen Platz zur überschwenglichen Ausformulierung oder wortreichen Hintergrundschilderung. Vielmehr muß er Handlungen und Motivationen seiner Protagonisten sprachlich pointiert ausdrücken. So ist es auch diesem Text von Kleeberg anzumerken, wie sehr da an der Genauigkeit der Sprache gefeilt wurde, einfach ausgedrückt würde man sagen, da ist kein Wort zuviel oder zuwenig. Der Erzählrythmus steigert sich auf den letzten Seiten erheblich, und so fiebert man dem Ende bzw. der Auflösung entgegen...
Herausgekommen ist ein "Text voller Schönheit und Radikalität"(Klappentext). Für mich selbst lebt das Buch nicht zuletzt auch inhaltlich gerade von dieser Spannung zwischen seiner "modernen" Begebenheit und der heute fast "unmodern" anmutenden Erzählform.
Ein kleiner sprachlicher Genuß dieses Buch, das ich vorbehaltlos weiterempfehlen möchte.
Sein Leben lang, schien ihm nun, hatten ihm Worte für Dinge gestanden, 
eine Reihe abstrakter Zeichen über sein Verhalten geherrscht. 
Was immer er tat oder ihm zustieß, kam aus Worten und 
endete in Worten, Angst, Lust, Trauer, Leidenschaft.