Dienstag, 5. August 2014

O Gott - bitte gib ihn uns zurück! Ich werde niemals müde werden, dich darum zu bitten. - John Irving

Kurz bevor die Urlaubstage beginnen, habe ich den über 800 Seiten dicken Roman Owen Meany von John Irving noch geschafft....in langen, "tiefnächtigen" Lesestunden!
Was soll man über dieses Buch noch "Profundes" aufs Papier, bzw. auf den Bildschirm bringen?  Alles scheint schon gesagt. Dennoch eine kurze Empfehlung, denn dieses Buch sollte nicht unbeachtet in unseren Regalen verrotten:
Eine Kleinstadt in New Hampshire. Ein kleinwüchsiger Junge namens Owen Meany mit einer schrecklich schrillen Stimme. Sein unverwüstlich bester Freund Johnny Wheelwright, der seinen Vater nicht kennt und dessen Mutter gerade von seinem besten Freund Owen durch einen verschlagenen Baseball getötet wird. Die Geschichte spielt zwischen den 50ern und 80ern Jahren an Amerikas Ostküste und Kanada. Soweit ein erster, sehr grober Umriss. 
Dies ist nun der vierte oder fünfte Roman, den ich im Laufe vieler Jahre von Irving gelesen habe, und ich glaube fast, daß er mit Hotel New Hampshire und Garp zum Besten gehört, was ich von Irving bisher gelesen habe. Erschienen ist das Buch 1989, und der Autor begleitet seine beiden Protagonisten durch die Zeiten des Erwachsenwerdens und Sich-Selbst-Findens in jenen Jahren der Ära Kennedy, des Vietnamkrieges, bis hin zur Präsidentschaft von Ronald Reagan. Irving geißelt unerbittlich die amerikanische Politik und die Haltung der Amerikaner in jenen Jahren. Insofern ist dieses Buch wohl das Politischste von Irving, das ich bisher gelesen habe. Aber davon abgesehen, entwickelt Irving eine herzerwärmende Huckleberry Finn-Geschichte: die Freundschaft dieser so unterschiedlichen Jungen, die sich in all ihrer Unterschiedlichkeit im Mikrokosmos einer typischen Kleinstadt an Amerikas Ostküste zurechtfinden müssen und einander über all die Jahre bedingungslos zur Seite stehen. Köstlichst sind die seitenlangen Beschreibungen der amateurhaften Theateraufführungen der örtlichen Laiengruppe zu Weihnachten, die Beschreibung der skurrilen Bewohner des Städtchens, die Berichte von diversen Schulstreichen etc. Über unzählige Seiten hinweg hat man das Gefühl, die Geschichte "plätschere" einfach so vor sich hin, nichts wesentlich Einschneidendes passiere, was die Geschichte vorantriebe. Aber genau das macht den Reiz dieses Buches aus; oftmals schmunzelnd liest man vor sich hin, und doch weiß man, es entwickelt sich alles auf ein Etwas hin, das man irgendwie nicht zu fassen bekommt. Ab einem gewissen Punkt glaubt man, die Klimax zu erahnen, aber der Leser wird trotzdem und sehr kunstvoll immer wieder abgelenkt von all den kleinen, nur scheinbar unbedeutenden Ereignissen....bis.....
Was mir schon immer bei Irving besonders gefallen hat, ist diese bedingungslose Liebe, mit der er seine so eigenartigen (im besten Sinne des Wortes!) "Romanbewohner" beschreibt. Nichts allzu Menschliches ist ihm fremd, nichts allzu Menschliches wird mit der Moralkeule umgehauen oder mit dem erhobenen Zeigefinger bedacht! Irving schreibt immer in diesem tiefen und grundehrlichen Gefühl des "Leben-und-Leben-Lassens", des Akzeptierens der Individualität jedes Menschen- die einzig wirklich christliche Tugend, die uns denn gelehrt sein sollte!
Vielleicht ist dieses Buch so besonders, weil es hier auch in nicht geringem Maße darum geht, was der Glaube - egal welcher "Fraktion" angehörend - uns bedeuten kann oder könnte....

Nun, ihr seht schon, dieses Buch hat mich begeistert. Es wird seinen verdienten Platz im Bücherregal finden und vielleicht mal wieder gelesen werden nach einigen Jahren. Eine unbedingte Leseempfehlung meinerseits!