Dienstag, 28. Oktober 2014

Kreativität - das Massenphänomen

Vor ein paar Tagen war ein wunderbarer Kommentar im Cicero zu lesen:
Unter dem Titel Kreativität - Eigenschaft der Blender und Einfallslosen beleuchtete der Autor der Kolumne überaus kritisch und auch amüsant unseren postmodernen Anspruch, daß jeder Mensch heutzutage "kreativ" zu sein hat:
http://www.cicero.de/stil/kreativitaet-die-eigenschaft-der-blender-und-der-einfallslosen/58397

Seit meinem Umzug nach Griechenland muß auch ich mich in die Phalanx dieser allgegenwärtigen "Kreativlinge" einreihen...
"War Kreativität in früheren Zeiten eine vielleicht ganz nette, aber keinesfalls qualifizierende oder gar Sinn gebende Eigenschaft, so ist sie in den letzten Jahrzehnten [...] zum Fetisch des postmodernen Menschen mutiert. Sie ist Glücksversprechen, Selbstverwirklichungsvehikel und Erfolgsgarant. Ursprünglich eine Eigenschaft der Begabten und Begnadeten, ist Kreativität zu einem Massenphänomen geworden, zu einem Ideal für Jedermann, das sich an überfüllten Kunstakademien und Schauspielschulen, in Designstudiengängen, in Töpfer- und Malkursen austobt."
Ganz zu Recht weist der Autor auf die Nivellierung des Begriffes "kreativ" hin. Viele von uns versuchen ja, irgendwie kreativ zu sein, und auch wenn nur Wenige beschließen, daraus einen Beruf zu machen, tummelt sich doch eine Unmenge von Menschen, die ihre Kreativität hobbymäßig ausleben. Dagegen ist auch rein gar nichts zu sagen (zu Unrecht geißelt der Autor daher die "Töpfer- und Malkurse")...

Dennoch beobachte auch ich schon längst so manch entscheidenden Unterschied:
1. Als entspannendes Hobby betrieben, sei es jedem gegönnt (und ist immerhin besser, als z.B. in irgendeiner Kneipe abzuhängen oder seine Familie zu nerven ....)
2. Als Beruf betrieben, entbehrt so ein kreatives "Hobby" allerdings des entscheidenden Attributs "entspannend": Keine noch so kreative Beschäftigung bleibt auf die Dauer entspannend, wenn im wahrsten Sinne des Wortes das tägliche Brot davon abhängt. In Zeiten schwerwiegender wirtschaftlicher Krisen, verbunden mit hoher Arbeitslosigkeit, versuchen viele, aus der Not eine Tugend zu machen, bzw. aus dem Hobby einen Beruf zu machen (wie es momentan hier in Griechenland in hohem Maße zu beobachten ist). Und all diesen Anstrengungen muß man uneingeschränkten Respekt zollen. Ob dabei die sogenannte Kreativität ein "Erfolgsgarant" sein kann, bleibt dahingestellt...
3. Kreativität hat viele Aspekte, und natürlich kann man die "hausgemachte" Art von Kreativität, der ich und so Viele frönen, nicht mit der innovativen Kreativität der wirklich großen Künstler vergleichen (deshalb auch der Unterschied zwischen Kunst und Kunsthandwerk!). Und trotzdem ist der Terminus längst zu einem Allgemeinplatz mutiert, der in allen möglichen Bereichen gefordert und angepriesen wird. Insofern bemängelt der Autor berechtigterweise, daß "der Begriff „Kreativität“ im modernen Zeitgeistdeutsch losgelöst von jeder halbwegs erkennbaren Fertigkeit verwendet" wird.

Was schließe ich nun aus so einem Artikel für mich persönlich?
Ich muß dem Autor in fast allen Punkten absolut Recht geben. Wir übertreiben es letztendlich mit unserer "Kreativität". Die meisten von uns laufen deshalb auch Gefahr, in der unendlichen Flut von kreativen Produkten/Ideen unterzugehen (siehe z.B.die Internetplattformen etsy oder daWanda)! Kreativität auf rein geistigem Gebiet unterliegt übrigens derselben Gefahr, wenn man z.B. an die hier oft angesprochene "Bücherwelt" denkt: Was tummelt sich da so alles an "Kreationen"...
Nicht zu vergessen, die ominöse Art von Kreativität, die heute irgendwie und sowieso von jedem Arbeitnehmer gefordert wird, um das Unternehmen innovativ zu unterstützen...
In welchem Bereich auch immer, je mehr der Begriff "verschwimmt", desto weniger wird am Ende wirkliche Kreativität sichtbar bleiben. 
Und nochmals auf mich bezogen, gebe ich dem Autor wiederum Recht, denn auch ich empfinde meine buchbinderische Tätigkeit oft einfach nur als "solide"...denn wenn Kalender, Notizbücher oder Photoalben einfach nur in solider, handwerklicher Manier hergestellt sind, dann ist das doch auch schon etwas wert, oder nicht!?
"Kommt doch einfach mal alle runter! Nicht jedes Kuchenrezept muss kreativ sein, lecker reicht vollkommen aus. Und auch der Wirtschaft täte etwas weniger heiße Luft ganz gut. Nicht jedes Projekt, nicht jede Unternehmensstrategie, nicht jedes neue Produkt muss kreativ oder innovativ sein. Das ist im Übrigen auch gar nicht möglich. Wie wäre es denn hingegen mal mit solide und seriös? Das klingt zwar nicht halb so cool, hätte aber trotzdem was." (Alexander Grau)