Sonntag, 19. Oktober 2014

Und der Seewirt begriff, daß Kunst Leben ist. Und Leben Geschichte. Und Geschichte Menschheitsgeschichte.- Josef Bierbichler, Mittelreich

Trotz meiner zeitraubend diversen beruflichen Projekte versank ich die letzten Tage geradezu in einem Buch, das ich euch deshalb unbedingt vorstellen muß:

Die süddeutschen Leser werden den Autor kennen, handelt es sich doch um den Schauspieler Josef Bierbichler. Trotz seiner vordergründig "bayerischen Urkraft" in Aussehen und Sprachklang glänzt Bierbichler für mich immer vor allem in seinen leisen Tönen (die SZ bezeichnete ihn mal so schön als "zärtlichen Schauspiel-Berserker").
Ich räume ein, daß ich in diesem Fall vielleicht kein allzu objektiver Kritiker sein kann, ist mir doch die Welt der bayerischen Provinz nur allzu vertraut, erliege ich genüßlich Bierbichlers ausdrucksstarkem, süddeutsch geprägtem Sprachduktus, diesem wunderbar "verschwurbelten Starkdeutsch", wie die FAZ es passend beschrieb. Etwas Heimweh kommt da beim Lesen schon auf...

Bierbichler erzählt im Roman die Chronik einer Familie, deren Lebensmittelpunkt das Gasthaus "Zum Fischmeister" an den malerischen Ufern des Starnberger Sees bildet. Die Geschicke der Besitzer des Gasthauses über zwei Weltkriege hinweg hinein bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts werden erzählt. Vor allem die politische Stimmung der frühen Nachkriegsjahre wird genauestens beobachtet, wenn Kriegsheimkehrer und Vertriebene auf die Daheimgebliebenen treffen und man sich in dieser neuen "Zusammensetzung" das Leben neu gestalten muß; wenn dann aber auch am Wirtshaustisch sich die anonyme "Volksseele" Luft macht und man mit Unbehagen feststellt, daß "der Teppich, der das unter ihn Gekehrte bisher deckte, noch immer tadellos den Heimatboden ziert"; wenn mit den Jahren die "Moderne" Einzug hält in die abgeschlossene Welt dieser Landbevölkerung und der Seewirt Pankratz in seinem Sohn Semi die Verflüchtigung und bewußte Aufkündigung der jahrhundertelangen bäuerlichen "Werte" erkennen muß; wenn das gelebte Leben an Religion und Glauben verzweifeln läßt und dem Seewirt kurz vor dem Tod nur die Erkenntnis bleibt, daß beides nur "Verdrängung und Feigheit" bedeutet...

Sprachlich bemerkt man durchgehend den in langen Theaterjahren geschulten Freund des präzisen Wortes. Unzählige Textstellen sind da schon beeindruckend in ihrer kraftvollen Metaphorik. Inhaltlich wird dem Leser so manch bittere und unbequeme Wahrheit über unser Land zugemutet. So geizt Bierbichler nicht mit politisch überaus korrekten Be- und Verurteilungen, persönlichen Einschätzungen und Ausblicken.  So wie Bierbichler von den Bewohnern des Wirtshauses berichtet, wird man sich bewußt: so oder ähnlich mögen sich unzählige Familiengeschichten in jenen Jahren wohl in der deutschen, nicht nur bayerischen Provinz zugetragen haben; insofern steht das Buch für mich trotz aller subjektiven "Menschelei" exemplarisch für viele Erfahrungen und Lebensläufe des vergangenen Jahrhunderts. Vielleicht hat gerade dies auch seinen Erfolg ausgemacht. Die FAZ schrieb 2011:
"Sanfter ist er nicht geworden, aber doch reif für Suhrkamp: 
Josef Bierbichler wütet in seinem ersten Roman wie die Axt im Walde 
gegen Gschaftlhuberei und Nationalsozialismus". 

Ich muß dieses Buch einfach empfehlen, eine manchmal unbequeme, aber genau deshalb uneingeschränkte Lesefreude - übrigens auch für "Nicht-Bayern"!