Freitag, 5. Dezember 2014

Das Hohe Haus...

Neulich stieß ich auf den Video-Mitschnitt einer szenischen Lesung von Roger Willemsen, der dort Auszüge seines letzten Buches "Das Hohe Haus - Ein Jahr im Parlament" zum Besten gibt. Beim Weihnachtsbasar fiel mir das Buch dann sozusagen in den Schoß.
Roger Willemsen: Germanistik- und Philosophiestudium, bekanntgeworden durch diverse Interviewreihen und Moderationen im Fernsehen, ein hochintelligenter Mensch, der dazu auch noch überaus spritzig, tiefgründig und humorvoll ist.
Er setzte sich ein Jahr lang in Deutschlands "Hohes Haus" und beobachtete das politische Tagesgeschäft, wie es sich im Plenarsal des Reichtags abspielt. Seine Schreibweise ist nachdenklich, launisch, pointiert, im guten Sinne zynisch, mit bissigem Humor. Im ersten Kapitel schreibt er:
Es ist ein ordinärer Impuls, sich von der Kanzlerin [...], sich von der Volksvertretung insgesamt nicht vertreten zu fühlen. es ist der billigst zu habende Dünkel, sich als das Individuum zu verstehen, das im Kollektiv nicht aufgeht. Was ich aber über meine Repräsentation im Parlament weiß, beziehe ich aus sekundären Quellen des Nachrichtenjournalismus. Ich unterstelle ihnen Absichten, eigene Interessen, unterstelle mich trotzdem ihrer Autorität. Welche Autorität aber besitzt das Entscheidungszentrum der Demokratie, wenn ich es mit eigenen Augen sehe?
Dieser Frage versucht Willemsen nachzugehen. Um es vorwegzunehmen: wenn man nicht schon längst dem besagten "Dünkel" verfallen ist und jedweden Respekt vor Politikern und dem Parlamentarismus verloren hat, dann ist dieses Buch nur ein weiterer Nagel zum Sarg des vermeintlich hehren politischen Geschäfts.
Wenn Willemsen feststellt, "es gibt Momente, in denen man dem Parlament die Verachtung zurückgeben möchte, mit der es seine Bürger bisweilen behandelt", dann faßt so ein Satz den Gesamteindruck zusammen. Willemsens Analysen dessen, was sich dort so Tag für Tag abspielt, auf welch teilweise unsäglichem Niveau dort miteinander umgegangen wird, wie Debatten und Reden so gar nichts mit den endgültigen Entscheidungen zu tun haben, all das ist recht fesselnd. Dabei ist das Buch dank seines Autors durchaus kurzweilig, auch wenn man nach den Beschreibungen der Plenarsitzungen der ersten drei bis vier Monate sich langsam bewußt wird, daß es so oder ähnlich wohl bis zum Ende des Buches weitergehen wird. Ich bin mir nicht sicher, ob dies nun dem Autor anzulasten ist, oder, was viel schlimmer wäre, den Zuständen im Parlament. ...Trotzdem habe ich weitergelesen, weil ich Willemsens klugen und pointierten Einschätzungen dessen, was er dort so erlebte, nur zustimmen kann.
Wenn Ihr also Lust bekommen wollt auf das Buch - und vor allem keine Angst vor der unvermeidlichen Desillusionierung habt, seht Euch erstmal die Lesung hier auf youtube an, 90 höchst interessante Minuten sind garantiert!