Sonntag, 18. Januar 2015

Again: Lily Brett

Eigentlich wollte ich ja zum Thema Religion hier nun nichts mehr schreiben, wäre da nicht eine Kolumne der von mir letztens vorgestellten Schriftstellerin Lily Brett, die ich gestern spät nachts noch gelesen habe. Ich will die Kolumne hier in Auszügen wiedergeben - ohne weiteren Kommentar:

Religiösität
Ich wünschte, es gäbe einen Gott in meinem Leben. Ich wünschte, ich wäre religiös (...).
Ich bin nie religiös gewesen, nie gläubig gewesen. Ich bin Jüdin. Jüdin durch Geburt. Durch Tradition, Kultur und Geschichte in meinem Jugendtum verwurzelt. Nicht durch religiöse Unterweisung(...).Ich bin einem Elterhaus aufgewachsen, wo Gottes Abwesenheit gepredigt wurde. Wieder und wieder bekräftigten meine Eltern, daß es keinen Gott gäbe.
Für sie lag die Abwesenheit Gottes auf der Hand. Als sie sechs Jahre lang in der Hölle von Auschwitz und im Ghetto von Lodz litten und alle verloren, die sie liebten, war von einem Gott nichts zu spüren.
Beide kamen aus religiösen Familien, als sie gejagt und eingesperrt wurden. Nach der Katastrophe war es beiden nicht mehr möglich zu glauben (...).
Wenn ich heute die Sehnsucht, die Neigung oder das Bedürfnis verspüre, Religiösität in mein Leben einzubeziehen, komme ich mir dabei immer noch illoyal vor. Es ist sehr verwirrend.
Religiösität scheint die Ungewißheit zu lindern (...). Aber ich kann Ungewißheiten nicht leiden. Ich will alles genau festlegen. Ich will Gewißheit. Die Religiösität macht Ungewisses weniger ungewiß. Ich kann verstehen, was Leute daran anzieht. 
Und was sie an Struktur und Ordnung anzieht, die zur Religion gehören. Struktur und Routine und Ordnung habe ich schon immer geschätzt (...). Religiöse Routinehandlungen haben mich schon immer fasziniert. Ich habe Katholiken beim Rosenkranzbeten beobachtet, bis ich schier hypnotisiert war. Die gleiche magische Anziehung haben Juden, die ihre Gebetsriemen anlegen und Moslems, die sich im Gebet vor Allah neigen, auf mich ausgeübt.
Es gibt mir tröstliche Gewißheit, daß das Leben aus mehr besteht als dem gegenwärtigem Augenblick.
Ein weiterer beruhigender Aspekt der Religion ist ihre Verbindung zur Vergangenheit, einer Vergangenheit, die mehr Bestand hat als die Erinnerung an den letztwöchigen Urlaub oder das letztjährige Klassentreffen.
Und die Religion verschafft einem ein Zugehörigkeitsgefühl. Etwas, was in unserer immer mobileren und weniger vertrauten Welt von wachsender Bedeutung ist. Und ein Gemeinschaftsgefühl.(...)
Kein Wunder, daß Religiösität etwas Verlockendes hat.
Früher betrachtete ich religiöse Erscheinungen wie Rabbis oder Priester mit Ehrfurcht. Ich glaubte, sie besäßen Antworten auf unlösbare Dilemmas und Fragen. Aber ich habe Rabbis und Priester kennengelernt, die gejammert und gestritten und sich über Kleinigkeiten geärgert haben wie jedermann. Ich habe Rabbis und Priester kennengelernt, die mir nicht weniger hilflos und voreingenommen und selbstgerecht vorkamen als die meisten von uns. Wenige Rabbis und Priester habe ich erlebt, die klüger und entschlossener erschienen als der Durchschnittsmensch.
Der Durchschnittsrabbi  oder -priester ist so durchschnittlich wie jeder andere auch.
(Lily Brett, New York, Suhrkamp, S. 115-117)