Samstag, 31. Januar 2015

...auch die meisten deutschen Medien fabrizieren sparfixierte Schablonengedanken am Stück. - Georg Diez


Carl Rottmann, 1836
Nun ist es kaum eine Woche her, daß die Griechen ihre bisherige Regierung "abgestraft" haben. Und schon erhebt sich in Deutschland ein wahrer "shitstorm" gegen die Griechen und ihre neue Regierung. Man konnte fast denken, die Deutschen hätten Griechenland lieber weiter mit den korrupten Holzköpfen gesehen, die sich keine frischen Gedanken mehr erlaubten und alltäglich den demütigen Kniefall vor den Banken übten!
Natürlich verfolgte ich die letzten Tage ausgiebig die Berichterstattungen in den Medien. Das Thema Griechenland beherrschte in Deutschland die Polittalks von Maybritt Illner bis zu Frank Plasberg, fast jede Nachrichtensendung begann erstmal mit dem Griechenland-Thema: Panik, Unverständnis und Drohungen allerorts.
Auch auf Facebook ging es heiß her, vor allem in einigen Gruppen von Deutschen, die in Griechenland leben oder Griechen, die lange in Deutschland gelebt haben. Was wurde da diskutiert und auch polemisiert: Artikel der griechischen und deutschen Presse wurden eingestellt und kommentiert, Intelligentes und weniger Intelligentes wurde gepostet.Was war da zu lesen über die faulen und nur ihrem überzogenen Konsum nachweinenden Griechen, was war da zu lesen über die arroganten Deutschen, die die Euroländer kujonieren...man schenkte sich gegenseitig nichts.
Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Ich wehre mich nach wie vor innerlich gegen so viele Deutsche, die meinen, sie könnten sich ein Urteil erlauben, obwohl sie noch nie einen Fuß in dieses Land gesetzt haben. Und genauso finde ich z.B. Bilder in Griechenland von Frau Merkel mit Hitlerbärtchen oder als Insassin eines Konzentrationslagers einfach nur geschmacklos...
Generell schmerzt es mal wieder, daß Berichterstattung, Rezeption und Reaktion in beiden Ländern natürlich opportunistisch und einseitig sind. Ab und an sind dann doch einige wenige interessante Artikel zu lesen, die zumindest versuchen, einigermaßen objektiv zu analysieren - immerhin.
Das Problem der Beeinflussung durch die unfreie Presse ist also vor allem in solchen Zeiten wieder zu spüren. Wem und was soll der Leser/Fernsehzuschauer nun eigentlich glauben? Am Ende kann man nur Fakten sammeln und zumindest versuchen, sich irgendwo in dem Wust von Informationen ein eigenes Bild zu machen...
Es spielt keine Rolle, warum die Griechen so gewählt haben: aus politischer Überzeugung, aus Protest, aus Ohnmacht; all diese Beweggründe sind legitim. Was ich mir wünschte, wäre ein wenig Geduld! Da sind nun jüngere Leute vor allem in den einflußreichsten und kritischsten Schlüsselpositionen (Tsipras, Varoufakis, Konstantopoulou), und man sollte ihnen erlauben, daß sie sich erstmal einarbeiten, wie es doch jedem von uns in einem neuen Job zugestanden wird. Gerade diese jüngeren Leute sind - im Gegensatz zu so vielen älteren und erschöpften Politikern - psychisch und auch physisch noch in der Lage, Dinge tatkräftig anzugehen und die eine oder andere Vision vielleicht zu realisieren. Nebenbei bemerkt: Daß Säbelrasseln zum politischen Geschäft gehört, das wissen doch auch Merkel, Schäuble & Co!
Ist es deshalb zuviel verlangt von den europäischen Partnern, der griechischen Regierung eine Chance zu geben, auch wenn es erstmal nicht bequem wird? Warum so gar keine Unterstützung für eine frische Politikerriege, die u.a. von den Griechen auch gewählt wurde, um eben endlich dem Sumpf aus Korruption, Steuerhinterziehung und Vetternwirtschaft hier den Garaus zu machen und dem Land seine Würde zurückzugeben? Am Ende können doch auch nur mit einer wirklich angekurbelten Wirtschaft Gelder zurückbezahlt werden....
Aber ich bin kein politischer Analyst, geschweige denn ein Ökonom oder Wirtschaftsexperte. Ich bin nur einfach eine Klein(st)unternehmerin, die hier ums Überleben kämpft wie so Viele. Wenn seit Montag griechische Minister mit dem Motorrad, dem Taxi oder mit dem eigenen Mittelklassewagen "zur Arbeit" fahren und die Luxus-Staatskarossen der vorherigen Ministerriege zum Verkauf angeboten werden, wenn die Ministerien drastisch zusammengelegt und neu organisiert werden, wenn sofort nach der Wahl die Absperrungen vor dem Parlament, mit denen sich die vorherige Regierung vor ihren wütenden Bürgern schützen wollte, abgebaut werden, dann mag das im Ausland belächelt werden. Aber für dieses Land sind es wichtige Statements, die zeigen sollen, daß es auch anders geht...
Deshalb, liebe Nicht-in-Griechenland-Lebende: Ich kann all dies nur mit den klugen Worten von Georg Christoph Lichtenberg zusammenfassen, wie sie heute früh auch auf griechisch auf Facebook zu lesen waren:

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, 
wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen: 
es muss anders werden, wenn es gut werden soll.