Sonntag, 11. Januar 2015

Fragen über Fragen....

Wer kennt das Zitat nicht: "Religion ist Opium für das Volk".
Aktueller denn je, als vorgestern 17 Menschen in Paris starben, hingerichtet von islamischen Fanatikern. Nun erhitzen sich allüberall wieder die Gemüter, was Religion bzw. verirrter Glaube aus den Menschen machen kann. Wir leben in der Zeit nach 9/11, in den Tagen von PEGIDA, von Gegendemonstrationen, von wieder aufkeimendem Fremdenhass, von erstarkendem Rechtspopulismus.
Verbrachten wir die letzten paar Jahrzehnte in der Vorstellung, daß Menschen unterschiedlicher Religionsauffassungen und Nationalitäten friedlich miteinander existieren könnten, zumindest im westlichen Europa, zeigen die ersten Jahre nach der Jahrtausendwende, daß diese Vorstellung nach wie vor naiv und trügerisch ist.
Dogmatische Religionsauffassung, egal welcher Couleur, hat dem Menschen noch niemals Gutes gebracht, wie uns die Geschichte lehrt. Allzuviel wurde und wird weiterhin gemordet, verachtet, ausgegrenzt im Namen Gottes, egal wohin wir sehen. Muß ich dann aber nicht logischerweise die Frage stellen, wie läßt sich jedwede Gottesauffassung mit den dementsprechenden historischen Fakten vereinbaren? Warum sagt man so leger dahin "Glaube macht blind"?
Religion ist nicht gleich Glaube, das wissen wir natürlich. Und es steht mir nicht an zu untersuchen, warum und ob ich und andere glauben oder nicht glauben. Dies sei Jedem selbst überlassen. Aber Fragen über Fragen drängen sich mir auf: Ruhen wir denn so wenig in uns selbst, sind wir denn alle so sehr auf der existenziellen Sinnsuche, daß wir etwas so Irreales wie die Gottesvorstellung benötigen, um uns im realen Hier und Jetzt zurechtfinden zu können, um die alltäglichen Anforderungen unseres Lebens meistern, die oft auch unerträglichen Seiten unseres Daseins aushalten zu können? Warum brauchen wir so sehr diese kindlich naive Vorstellung eines gutgütigen und allwissenden Gottes? Haben denn nicht schon Jahrtausende vor Christus oder Mohammed Philosophen sich erschöpfend mit den Belangen der Ethik und Moral, der Frage nach dem Sinn des Daseins auseinandergesetzt? Warum benötigt der Mensch nach wie vor das dogmatische Korsett einer Religion?
Fragen über Fragen angesichts der aktuellen Ereignisse...

Ich muß spontan an meinen ersten Besuch in Rom denken, an den so überwältigenden Eindruck des Petersdoms. Und ganz abgesehen vom kunstgeschichtlich unvergleichlichen Erlebnis in diesem Bauwerk, beschlich mich danach ein unerbittlich bohrender Gedanke: Warum empfinde ich beim Anblick all der Skulpturen und Gemälde eine so unterschwellige Einschüchterung? Warum blickt der Tod in unzähligen Fratzen den aufmerksamen Besucher an in dieser Kirche? Die unheimliche Größe des Bauwerks, auch dies nur ein selbstverliebter Darstellungszwang, ein Mittel zur Einschüchterung, zum angstgespeisten Glauben? Ein zwiespältiges Gefühl blieb seit damals...
Karl Marx kommt mir in den Sinn:

"Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem
 die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, 
das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.  
Sie ist das Opium des Volks."
(Karl Marx: Einleitung zu "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie")

Gerade findet ein riesiger Trauermarsch in Paris statt! Einen interessanten Nachtrag mit tiefgründigen Gedanken über die weitreichende Bedeutung des Attentats von Paris findet ihr hier: http://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/unmournable-bodies
Ich wünsche Euch noch einen geruhsamen Sonntagnachmittag....