Dienstag, 27. Januar 2015

...wo sich in einem großen Laissez-faire die abweisende Todeszone der Natur ausdehnt...- Roger Willemsen

Nach den Wahlen hier, die zumindest ein Hoffnungsschimmer sind, was die endgültige Ablösung der alten "Garde" anbelangt, wieder zurück zum Hauptanliegen meines bescheidenen Blogs:
Ich möchte euch heute ein Buch vorstellen, das ganz sicher seinen festen Platz in meinen Regalen finden wird.
Vor Weihnachten stellte ich Roger Willemsens Buch über sein Jahr im deutschen Parlament vor. Unter den letztens gebraucht erstandenen Büchern befanden sich auch seine Reiseberichte "Die Enden der Welt". Dies nahm ich eigentlich ohne jegliche Erwartung zur Hand - und wurde mehr als positiv überrascht! Daß Willemsen schreiben kann, war mir klar, aber ich hatte wahrlich nicht damit gerechnet, mit einem so äußerst begabten Romancier konfrontiert zu werden...
Willemsen nimmt den Leser mit auf seine Reisen, die ihn im Verlauf von 30 Jahren durch die Weltkontinente, an die ungewöhnlichsten Orte geführt hatten: Gibraltar, Minsk, Island, Kapstadt, Katmandu, Patagonien, Nordpol, Timbuktu etc.
Dabei sind dies keine akribisch notierten Reiseberichte, die, seien wir ehrlich, oft schnell langweilig werden können; Willemsen gibt einfach seine Eindrücke und Gedanken während dieser Reisen wieder: Flüchtige oder nachhaltige Begegnungen, beeindruckende Beschreibungen der Orte und Landschaften. Sein Besuch bei einem todkranken Kind ist der Ausgangspunkt, vor allem der Ausgangspunkt für seine Reflexionen über das Reisen selbst:
Sein Leben - von einer Lebensreise konnte man ja kaum sprechen - ging zu Ende, und ich fragte mich: Wohin wäre er gern gereist? Wo angekommen? Was hätte ihn getrieben? Was hätte er allein erfahren? Wo wäre ihm zugestoßen, was man eine Selbsterfahrung nennt? 
 Es geht in diesem Buch auch immer darum, daß Reisen ein Weg zu sich und auch weg von sich sein kann:
So gibt es Reisende, denen nur der erste Schritt gelingt: Sie folgen ihrem Impuls zu verschwinden. In der Fassade dringen sie weder zur Freude noch zum eigenen Bedürnis durch, verfangen sich in Fotografien, im eigenen Land, im Herkommen, in Analogien zum Bekannten. Und gelangen nicht weg von sich. 
Es gibt auf allen Reisen diese Stimmung, in der der Ausstieg dominiert. Noch ist man nirgends angekommen, noch möchte man nirgends ankommen. Fort will man sein, entkernt, gern heimatlos.

Beim Lesen erstaunte mich Willemsens Beobachtungsgabe und deren literarische Umsetzung. Als Germanist und Literaturwissenschaftler hat er sich natürlich durch die "hohe" Literatur gelesen, aber allein das reicht nicht aus, um so schreiben zu können, wie er es tut. Seine Sprache macht in ihrer metaphorischen Vielfalt, ihrem Wortreichtum und bestechenden Nachdenklichkeit einfach nur Freude:
Vor dem weiten Horizont streckt sich die sich selbst überlassene Natur in eine Ferne, die nur fern sein will, gereihte Silhouetten, für den Distanzblick gemacht. Alles flieht, die Landschaften dehnen sich, um auf immer neue Weise hintergründig zu werden. Der Mensch aber, klein gemacht vom Überfluss der Natur, verliert sich im Panorama des Seltenen...

Man kann dieses Buch getrost in Etappen lesen, kann von Kapitel zu Kapitel reisen, sich von Ort zu Ort weiter tasten oder ganz einfach frei treiben lassen. Ein sehr schönes Buch für all jene von uns, die gerne reisen - und sei es nur in Gedanken...