Donnerstag, 19. Februar 2015

Das richtige Maß....

Neulich...stieß ich auf Facebook auf einen Beitrag, der einen wenig schmeichelhaften Schnappschuß des deutschen Finanzministers Schäuble zeigte. Die Kommentare zu diesem Photo waren so schrecklich, so verletzend, so niveaulos, so haßerfüllt und im wahrsten Sinne des Wortes "unsäglich", daß sich mir nur eine Frage aufdrängte:

Wann haben wir eigentlich das Gefühl für das richtige Maß verloren?
Beim Nachdenken darüber wurde mir klar, daß dies nicht nur die aktuelle politische Lage, die entsprechende Berichterstattung oder die sogenannten Social Media betrifft, sondern generell auch unser alltägliches Umfeld. Allerorts wird überreagiert, polarisiert, polemisiert, ein Feindbild propagiert, dämonisiert, instrumentalisiert....
Wir lassen keine andere Meinung als unsere eigene gelten. Vieles nimmt geradezu kreuzzugartige Züge an. Menschen, die nicht unserer Meinung sind oder konträr zu unserer Auffassung agieren, etikettieren wir nur allzu willkürlich als psychopathisch oder im besten Falle als dumm oder weltfremd. Viel zu schnell reagieren wir zu heftig, zu unüberlegt.
Tun wir das am Ende nur, weil wir Angst haben vor dem "Mittelmaß"?
Unwillkürlich frage ich mich, warum das Wort "mittelmäßig" eine so negative Konnotation hat. Keiner von uns will "mittelmäßig" sein, nicht in Schule oder Universität, nicht im Arbeitsleben, nicht in der Gesellschaft im Allgemeinen. Nein, da schlagen wir dann schon lieber mal um uns, damit unser Gegenüber bloß nicht denke, wir wären ohne eigenen Standpunkt, ohne Rückrat, "mittelmäßig" eben...

Schlüsselt man das Wort jedoch auf, erhält man die Begriffe  "mittleres Maß" oder auch "maßvoll", die gleich nicht mehr so negativ klingen. Verwechseln wir also diese Begriffe eigentlich nur?

Automatisch drängt sich mir das Bild von Justizia auf, die eine Waage in den Händen hält und versucht, das mittlere, gerechte Maß zu finden: sie wägt ab, tariert aus, versucht, das Gleichgewicht zu finden...
Wollte man unsere antiken und modernen Philosophen oder Schriftsteller bemühen, könnte man seitenweise Gedanken zur Frage des "Maßvollen" finden. Dies war schon immer eine der grundlegenden philosophischen Probleme der Menschheitsgeschichte. Ungefragt akzeptieren wir die Forderung nach Mäßigung, wenn es z.B. ganz lapidar darum geht, weniger Genußmittel zu konsumieren. Aber warum akzeptieren wir diese Forderung nicht, wenn es - ungleich schwerwiegender -  um Worte oder Taten geht?
Damit wir uns richtig verstehen: ich bin hier die Allerletzte, die von sich behaupten würde, sie reagiere immer ausgewogen, im "richtigen Maß" also. Gerade deshalb machte mir das oben angeführte Beispiel aus Facebook aber wieder einmal klar, daß es uns allen gut zu Gesicht stünde, uns etwas zurückzunehmen, den Dingen, den verschiedenen Meinungen oder auch Entwicklungen zunächst einmal ihre Eigendynamik zu lassen. Abwarten, abwägen, sich ruhig auch mal auf die Position des "Mittelmäßigen", des Maßvollen begeben, statt in Worten und Taten einem überzogenen Aktivismus anheim zu fallen...
Was wäre daran denn so falsch?