Dienstag, 10. Februar 2015

Obwohl ich momentan nicht viel Zeit für meinen Blog finde, da ich viel zu viel jeden Tag am Lesen bin, was die aktuelle politische Situation hier in Griechenland anbelangt, versuche ich, allabendlich auch etwas abzuschalten....wie immer, mit einem Buch.
Momentan ist es wieder ein Buch aus meinem SUB von einer Autorin, die ich Euch ja neulich schon mal vorgestellt habe: Lily Brett.
Nach ihren hier besprochenen Kolumnen las ich nun einen Roman, den ersten der zwei, die in einem Taschenbuch zusammengefaßt sind: "Einfach so".
Dies ist ein sehr autobiographisches Buch. Die Protagonistin Esther erzählt sich durch ihr tägliches Dasein als Autorin von Nachrufen in diversen amerikanischen Zeitschriften. Mit ihrem Mann, einem Kunstmaler, ist sie vor einigen Jahren von Australien nach New York gezogen. Das Buch lebt von dem Kontrast Australien-Amerika, Melbourne-New York, aber hauptsächlich vom Bewußtsein der Protagonistin als Kind jüdischer Eltern, die den Holocaust überlebten (was ja auch schon in Bretts Kolumnen einen großen Raum einnimmt).
Nachdem ich den ersten der beiden Romane dieses Buches gelesen habe, bin ich mir noch immer nicht im Klaren darüber, ob ich das Buch nun gut oder schlecht finden soll. Von einer Handlung im eigentlichen Sinne kann man nicht sprechen, eher von einer Aneinanderreihung von Begebenheiten, die dann oft als Ausgangspunkt dienen zu Betrachtungen über die Ereignisse des Holocaust. Esther stilisiert sich im Roman als typische, in sich zerrissene Nachfahrin der vom Holocaust gezeichneten jüdischen Generation; einem amerikanischen Cliche folgend, besucht sie seit Jahren regelmäßig einen Analytiker, um den indirekten Auswirkungen des Holocaust auf ihr Dasein auf den Grund zu gehen. Einen Großteil der Erzählung nimmt ihr Verhältnis zu ihrem verwitweten Vater ein - dem direkten Holocaust-Überlebenden, der sich im hohen Alter noch entschließt, von Australien nach Amerika überzusiedeln und dort wieder zu heiraten.
Ich überlege, was mich dann doch etwas verstört an diesem autobiographischen Roman: Vielleicht ist es die Beharrung auf detaillierten Beschreibungen von Esthers Verdauungsschwierigkeiten (ich weiß nicht, wie oft das Wort "Scheiße" oder "scheißen" im Roman vorkommt!). Der Leser versteht natürlich dieses ständige In-sich-Hineinhorchen der Protagonistin und die immer wiederkehrerende Darstellung ihrer sexuellen Aktivitäten (auch dies an manchen Stellen fast zu viel des Guten).
Ich vermag den Bezug herzustellen, was diese Beschreibungen über den für Unsereinen nicht nachvollziehbaren Ballast aussagen, den diese Generation der "Holocaust-Kinder" ein Leben lang mit sich herumschleppen muss. Nur so erkläre ich mir diesen Fokus auf all das Körperliche und das Sexuelle, da es ein Ausdruck des Bewußtseins ist, am Leben zu sein, ein Ausdruck des paradoxen Schuldgefühls, daß man das Leben auskosten darf, wohingegen die Eltern durch die Hölle gehen mußten. Dazu paßt auch in der Umkehrung Esthers absolute Abneigung, mit ihren Kindern, ihrem Vater oder anderen über Körperliches-Sexuelles zu sprechen. Sie fühlt sich immer unwohl dabei. Auch dies ein Zeichen der Zerrissenheit...
Es ist also ein seltsames Buch, so ganz anders als Bretts Kolumnen oder der Roman "Chuzpe". Trotzdem hat es mich gefesselt. Und so werde ich nun den zweiten Roman auch noch lesen, bin schon gespannt...