Sonntag, 8. März 2015

Es braucht tausend Stimmen, um eine einzige Geschichte zu erzählen. - João Camilo

Ja, es gab sie und wird es hoffentlich immer geben: die großen "Geschichtenerzähler", die Glücksfälle unter den unzähligen herausragenden Autoren.
In den letzten Monaten habe ich von drei herausragenden Vertretern dieser "Zunft" wieder mal Bücher gelesen, das eine Buch zum ersten Mal, ein anderes bereits zum zweiten Mal. Ich habe Euch ja davon berichtet und mich damit natürlich wieder mal nicht in die Reihe der "aktuellen" Buchblogger eingeordnet, aber zu denen gehöre ich ja eh nicht...
Gabriel Garcia Marquez
Ganz subjektiv liegen mir solche Autoren und ihre Geschichten. Ich kann mich in derartigen Büchern regelrecht verlieren, Raum und Zeit darüber vergessen. Ich kann so ein Buch kaum aus den Händen legen, alles Andere wird nebensächlich, und mein eigentliches Leben fast schon zum "Störfaktor"...
Und genau darin liegt all die Kraft solcher Geschichten. Wie oft lese ich ein hervorragendes Buch, das mich aber trotz seiner literarisch-sprachlichen Qualitäten nicht so vollkommen zu absorbieren vermag. Und dann kommen Bücher wie Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Garp und wie er die Welt sah, Owen Meany oder Die dunkle Seite der Liebe, die mich alles um mich herum vergessen lassen. Ich könnte nicht plausibel erklären, woran das liegt. Sicherlich nicht allein an der offensichtlichen Qualität all dieser Autoren.
John Irving
Offenbar kommt da Etwas zum Tragen, was es im Grunde auch nicht erlaubt, so ein Buch hinreichend objektiv zu rezensieren. Eher begegnen uns manche Bücher zu bestimmten Zeiten in unserem Leben, die uns "anfällig" vorfinden für solche Geschichten. Handelt es sich um ein Buch, das man zum zweiten Mal liest, läßt dies dann Rückschlüsse auf uns selbst zu? Natürlich frage ich mich, warum mir das Buch noch immer so gefällt. Bedeutet das etwa, daß ich mich nicht verändert habe in all den Jahren seit dem ersten Lesen? Oder bedeutet es einfach, daß dieses Buch so unbändig gut ist, daß es tatsächlich eine so zeitumgreifende Gültigkeit haben könnte? Oder ist es ganz einfach diese eine Geschichte, die - aus welchen Gründen auch immer - mich als ganz individuellen Leser immer wieder berühren kann? Und geht es nicht uns allen mehr oder weniger so, wenn wir "unsere" Geschichte finden?
Rafik Schami
Günter Grass sagte in seiner Rede zur Verleihung des Nobelpreises:

Und selbst wenn eines Tages nicht mehr geschrieben oder gedruckt werden wird oder darf, wenn Bücher als Überlebensmittel nicht mehr zu haben sind, wird es Erzähler geben, die uns von Mund zu Ohr beatmen, indem sie die alten Geschichten zu neuen Fäden spinnen...

Vielleicht ist dies das Geheimnis dieser Geschichten: Sie erzählen uns so unglaublich großzügig und schon fast unerschöpflich vom Leben, sie spinnen so unzählige Fäden und regen damit unsere Phantasie an, ja, sie werden tatsächlich zum Überlebensmittel im Sinne von Grass.
Erst wenn Geschichten dazu in der Lage sind, sind sie es tatsächlich wert, unsere eigenen Jahre zu überdauern. Und ein einziges Leben reicht nicht aus, all diese Geschichten zu entdecken....