Dienstag, 10. März 2015

Journalismus?

Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt  verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.

 

Dieses wunderbare Zitat stammt aus einer berühmten Abhandlung von Victor Klemperer*, dem großen Romanisten, an dem auch ich als Studentin nicht "vorbeikam". Ein interessanter Beitrag in Facebook über die Berichterstattung in den Druckmedien über die Situation in Griechenland (http://asti-blog.de/2015/03/09/die-juden-sind-an-allem-schuld-und-jetzt-sinds-die-griechen/), brachte diese Worte wieder in Erinnerung.
Weder will ich mich schon wieder auslassen über die verbalen Auswüchse zum Thema Griechenland-Deutschland in den Printmedien beider Länder, noch geht es mir vorrangig um Klemperers interessante Ausführungen zur Sprache des Dritten Reiches.
Vielmehr will ich mal wieder eine Lanze brechen für all Jene, die sich noch immer um ihre Sprache und vor allem ihre Inhalte bemühen. Aufgrund der aktuellen Situation habe ich in den letzten Wochen ausgiebigst Artikel der verschiedensten Zeitungen gelesen. Mittlerweile bin ich ein wenig müde geworden... Allzu Vieles, was geschrieben wird, besteht nur aus Wiederholungen, aus unreflektiertem Nachplappern und nachlässig oder gar nicht recherchiertem Material. Mich als Leser ermüdet so ein Journalismus unendlich. Von der nachlässigen Sprache, den Schreib- und Grammatikfehlern vor allem in den vielen runtergerotzten Online-Artikeln gar nicht zu sprechen...

Der kürzlich verstorbene Fritz J. Raddatz bezeichnete den Journalisten im Gegensatz zum Schriftsteller als "dem Tage verpflichtet"- wie sich aus dem Wort ja ableiten läßt. Dementsprechend erwarte ich von einem Journalisten keine hochliterarischen Fähigkeiten, aber ich erwarte, daß er seiner Aufgabe gerecht wird, mich umfassend und so objektiv wie nur möglich über das Tagesgeschehen zu informieren und diese Geschehnisse in ein breiteres Wissensumfeld einzuordnen, das er aus Quellen beziehen kann, die mir als Otto-Normal-Leser nicht unbedingt zur Verfügung stehen.
Tut er dies nicht und nötigt er mich damit, selbst notwendiges Hintergrundwissen zu recherchieren, hat er seinen Job nicht getan und bleibt allenfalls ein Schreiberling unter vielen. Zudem enthebt er mich damit auch der Möglichkeit, mir ein umfassenderes Bild zu machen, das mir vielleicht eine eigene Meinung ermöglicht. Ungleich schlimmer sind nur noch die Journalisten, die ihre stetigen Platitüden in die Welt hinausplärren und die man im besten Sinne von Karl Kraus nur als "Journaille" bezeichnen kann...
Um auf Klemperers Worte zurückzukommen, muß man leider feststellen, daß z.B. bei einem Thema wie Griechenland steterTropfen den Stein höhlt: hier bewahrheitet sich tatsächlich, daß schlechter Journalismus seine winzigen Arsendosen unkontrolliert austeilen kann, die schleichend ihre giftige Wirkung entfalten.
Mittlerweile bin ich der Meinung, daß das Internet diese Art von unreflektiertem Journalismus nur noch unterstützt. Die Online-Redakteure/Blogger vermehren sich wie die Kaninchen, in Facebook jagt eine Schlagzeile stündlich die andere, Vieles davon stellt sich am Ende als "Ente" heraus. Immer wieder frage ich mich, wer solche Mitteilungen eigentlich absegnet - niemand wahrscheinlich....

Und so ersaufen wir langsam in diesem Wust von journalistischem Geschreibsel. Es wird immer schwieriger, das Wahre vom Unwahren zu unterscheiden...wohin soll so ein Journalismus noch führen?

 *Victor Klemperer, Lingua Tertii Imperii: Sprache des Dritten Reiches, 1947