Freitag, 13. März 2015

Wir mit den aufgestauten Gedanken....

Manchen von uns ist es bestimmt, in einer Schachtel zu leben, aus der es 
nur eine zeitweilige Freilassung gibt. Wir mit den beschädigten Lebensgeistern, 
den vereitelten Gefühlen, dem blockierten Herzen und den aufgestauten Gedanken, 
wir, die wir uns danach sehnen auszubrechen, in einer Flut von Wut, Freude oder gar 
Wahnsinn überzuströmen, doch gibt es für uns kein Wohin, nirgendwo auf der Welt, 
weil niemand uns so haben will, wie wir sind, und wir können nichts tun, als uns die 
heimlichen Freuden unserer Sublimierungen zu eigen zu machen, den Bogen eines Satzes, 
den Kuss eines Reims, das Bild, das auf Papier oder auf Leinwand entsteht, die innere 
Kantate, die klösterliche Stickerei, die dunkle, träumerische Nadelarbeit aus der Hölle, 
dem Himmel oder dem Fegefeuer oder aus keinem der drei, doch es muß einigen Schall 
und Wahn von uns geben, einige Zimbelschläge in der Leere. ...

Das stammt natürlich nicht von mir (schön wär's)!
Es ist dies vielmehr aus Siri Hustvedts "Sommer ohne Männer", das ich euch ja schon vorgestellt habe. Diese grandiose Textstelle jedoch wollte ich - und sei es nur für mich - nochmal hier festhalten. Da kann man nicht einfach so darüber hinweglesen, da muß man innehalten, es wieder und wieder lesen, so komprimiert sind diese Zeilen. Mich persönlich hauen solche Textstellen geradezu um - das ist natürlich absolut subjektiv. Ich kann mich daran begeistern, wie es möglich ist, daß einem Menschen solche Worte einfallen, und ich frage mich, wie lange ein Schriftsteller über so ein paar Zeilen brüten mag, wie oft er sie umgearbeitet haben mag, wie lange er an jedem einzelnen Wort gefeilt hat.....
Und so begegnen sie uns dann doch immer wieder, die wirklich gute Literatur und diese Autoren, die so gar nichts gemein haben mit dem unendlich seichten Wust der schnell produzierten Ware Wort...
Hier kommt mir Denis Scheck in den Sinn, der in seiner letzten Sendung "Druckfrisch" so richtig über ein Buch sagte: "Dieser Autor hat keinen Respekt vor dem Medium Buch".
Damit ist eigentlich schon alles gesagt.
P.S. Wie kommt man auch auf so ein Wort wie "Zimbelschläge".....grandios einfach!