Samstag, 2. Mai 2015

Es riecht nach Torf....

In den letzten Wochen habe ich wieder so Einiges gelesen, Bemerkenswertes, weniger Bemerkenswertes, Gutes, weniger Gutes. Vorstellen will ich euch heute Moritz Rinkes erfolgreichen Roman aus dem Jahre 2010.
Der junge Berliner Galerist Paul Wendland kehrt zurück nach Worpswede, dem bekannten Künstlerdorf im hohen Norden. Dort ist er geboren und aufgewachsen, dort versucht er sein Geburtshaus vor dem Absinken im Teufelsmoor zu bewahren....
So beginnt das Buch, und von da an reihen sich anekdotenhafte Geschichten aneinander und wie bei einem Puzzle setzt sich langsam die Geschichte der Familie Kück zusammen: Großvater Paul, Bildhauer, der "Rodin des Nordens", dessen lebensgroße Bronzefiguren den riesigen Garten bevölkern, Großmutter Greta, die den ganzen Tag norddeutschen Butterkuchen backt, Mutter Johanna, die in den 60er und 70er Jahren beseelt ist vom angesagten indischen Spiritualismus, Ohlrogge, der von Mutter Johanna einst verschmähte Liebhaber, der seit 30 Jahren auf Rache sinnt... Und da ist noch die wunderschöne Tante Marie, die während der Nazizeit einst auf ungeklärte Weise verschwand und dem Roman eine Prise Krimihandlung hinzufügt. Ihrer aller Leben entspinnt sich vor der interessanten Geschichte von Worpswede und vor der Kulisse dieser beeindruckenden, flachen Landschaft im hohen Norden, wo die Wiesen "am Ende mit den Wolken zusammenflossen".

Das Buch hat mich thematisch natürlich erinnert an Josef Bierbichlers "Mittelreich", das ich euch vor ein paar Monaten hier vorgestellt habe. Beiden Romanen gemein sind diese Familiengeschichten, erzählt vom Gesichtspunkt der Enkelgeneration, die mehr oder minder meine eigene Generation ist. Wieviele Geschichten ranken sich noch immer um die Nazizeit, die Zeit unserer Großeltern und Eltern. Vielleicht ist so ein Buch besonders für uns interessant, die wir Ähnliches selbst noch "aus erster Hand" gehört haben in den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern.
Rinke schreibt mit viel verschmitztem Humor und es gelingt ihm, die Kauzigkeit seiner Figuren herauszuarbeiten, aber rein sprachlich - und auch inhaltlich - bleibt er am Ende doch meilenweit hinter Josef Bierbichler zurück, sofern man beide Bücher gegenüberstellen wollte. Ich hatte das Gefühl, daß Rinke sich der Ernsthaftigkeit des Themas durchaus bewußt ist, sich dann aber Vieles verflacht. Zuerst dachte ich beim Lesen, manch nicht auserzählte Andeutung ist norddeutschem Lakonismus geschuldet, aber dies wäre eine zu einfache Erklärung. Tatsächlich fehlen die - wiederum bei Bierbichler sprachlich und inhaltlich exzellent ausgeführten - Be- und auch Verurteilungen von seiten des Autors. Das Buch liest sich leicht - eher allzu leicht bei dem Thema, und das ist wohl der kleine Wermutstropfen! Dennoch eine unbedingte Lektüreempfehlung....