Mittwoch, 27. Mai 2015

Wenn dich ein Buch beeindruckt, dann deshalb, weil es mit dem Herzen geschrieben ist, mit Demut und Schlichtheit. - Giovanni Montanaro

Tutti i colori del  mondo - Alle Farben der Welt
Welch ein Buchtitel! Im italienischen Original natürlich viel schöner als im Deutschen...
Wieder mal ein jüngerer Autor, der uns da 2013 ein kleines Meisterwerk hingelegt hat. Ein kurzer Roman, nur ganze 170 Seiten lang.
Das Waisenkind Teresa wächst in dem kleinen flandrischen Ort Geel bei einer Pflegefamilie auf. Das Besondere an diesem Ort ist, daß dort schon seit dem Mittelalter psychisch Kranke aus allen Teilen des Landes bei Familien leben, die dafür staatliche finanzielle Entschädigung bekommen. Da Teresa nach dem Tod der Pflegeeltern anderweitig untergebracht werden muß, wird sie kurzerhand ebenfalls als "Verrückte" ausgegeben und findet so Unterschlupf bei den Vanheims.
Als sie 15 Jahre alt ist, schneit eines Abends ein verwirrt wirkender Fremder ins Haus. Ihm wird großherzig Unterschlupf für einige Tage gewährt. Diese kurze Begegnung wird für Teresa - und auch für den Fremden - von großer Bedeutung sein.
Die Geschichte erzählt uns Teresa selbst. Zehn Jahre nach dieser Begegnung schreibt sie einen langen Brief an den ehemaligen Besucher, der kein anderer war als Vincent van Gogh....
Wie der Titel schon suggeriert, spielen die Farben in Teresas Welt eine entscheidende Rolle: "Als kleines Mädchen fragte ich mich oft, wie kann denn ein brauner Baumstamm einen gelben Apfel hervorbringen? Wie kann ein grüner Strauch blaue Beeren tragen? Wozu gibt es so viele Farben?"
Und so ist es auch sie, die Vincent die Augen öffnet für die Farben der Welt, denn "alles hat seine Farbe. So existiert die Welt, Monsieur Van Gogh, das ist ihre Sprache. An der Farbe erkennt man, ob Früchte reif sind, ob ein Mund gesund ist, ob eine Drossel männlich oder weiblich ist, ob ein Insekt gefährlich und ein Pilz essbar ist, ob der Tag vorbei ist und das Wasser trinkbar. Ob man glücklich oder traurig ist".
Die Tragik des Lebens von Vincent van Gogh ist uns bekannt,aber wie Teresas eigene Tragik mit seiner verbunden ist, erfährt der Leser erst ganz zum Schluß.
Montanaro schreibt in einer wunderbar leichten, eingängigen Sprache und verwebt kunstvoll das Leben zweier Menschen, denen nur ein kurzer gemeinsamer Augenblick gegönnt war.
Ein meisterhafter kleiner Roman, der mich auch noch nach der letzten Seite lange nicht losgelassen hat...