Dienstag, 26. Mai 2015

Wie die Wissenschaft in die Berge kam....

Vor ein paar Tagen bekam ich ein Buch geliehen. Die junge Autorin Vea Kaiser war mir vollkommen unbekannt. Immerhin konnte ich nachlesen, daß ihr Debütroman lange auf dem ersten Platz der österreichischen Bestsellerlisten stand (was nicht immer etwas heißen mag, wie wir wissen). Aber irgendwie sprachen mich schon die ersten Sätze an....
Zunächst einmal vermutet man eine Art von altmodischem Heimatroman, So ist man auch erstaunt, daß da erzählt wird von einem Zeitraum von den 60er Jahren bis heute. Los geht's kurioserweise mit einem 14 m langen Bandwurm und dem Großvater des Romanhelden, der in einem abgeschiedenen Dorf irgendwo hoch in den österreichischen Alpen lebt. Beeinflußt vom Wissendrang des Großvaters, will auch Enkel Johannes dem Dorf entfliehen und sich der Wissenschaft widmen; Johannes ergattert sogar ein Stipendium am klösterlichen Gymnasium in der Kreisstadt. Aber das Schicksal will es anders und wirft ihn kurz vor der Matura wieder zurück in die Enge und Abgeschiedenheit seines Dorfes. Begeistert von den Historien Herodots, entschließt er sich, aus der Not eine Tugend zu machen und die Geschichte seines Dorfes und seiner "Bergbarbaren" wie sein Vorbild Herodot "von Innen heraus" zu erforschen....
Der Reiz dieser Lektüre liegt für mich in seinen Spiegelungen: Das Leben in einem Dorf, hoch in den Alpen, weit weg von der nächsten Stadt, wird Kapitel für Kapitel reflektiert in kurzen, Herodot-inspirierten, historischen Abhandlungen des jungen Johannes. Erst dadurch begreift  man das, was der junge Schreiber als "Hinterwäldlertum" interpretiert, als eine aus vielen Jahrhunderten gewachsene Welt in sich. Man hat nicht den Eindruck, daß es den Menschen dort oben in ihrem Tal zu eng würde. Nein, ganz im Gegenteil empfindet man mit ihnen diese Art von Zufriedenheit, die jeglichen "Fluchtgedanken" ad absurdum führt. Der Satz "Is halt so" beinhaltet deswegen in seiner Einfachheit eine Philosophie, die im Hinblick auf unsere schnelllebige und aufreibende Zeit schon längst an Gültigkeit verloren hat. Der Mensch will sich nicht mehr begnügen oder abfinden. Er will alles haben, alles sehen, alles erleben, alles verändern, alles erreichen, aber am Ende ist er wahrscheinlich auch nicht glücklicher als diese "Bergbarbaren" da hoch oben in den österreichischen Alpen....
Zusammen mit der langsamen Assimilierung des Protagonisten ändert auch der Leser zunehmend seine Meinung über die Bewohner von St. Peter am Anger. Die so schön kauzigen Einheimischen wachsen dem Leser zunehmend ans Herz, und die ganze Geschichte - an und für sich schon originell - ist mit so viel Witz erzählt, daß man das Buch kaum noch aus der Hand legen will. Und so endet das Buch auch mit einem Höhepunkt für Leser und Romanfiguren gleichermaßen: Ein Freundschaftsspiel zwischen dem FC St.Pauli und dem örtlichen Fussballverein, das unser junger Herodot als "Flutlichtanlagenfußballeröffnungsspieloberorganisator" in die Wege geleitet hat....
Eine wunderschöne, herzerwärmende Geschichte, die den Leser anrührt, aber auch oft genug laut loslachen läßt!