Mittwoch, 3. Juni 2015

Die Schlechtes-Gewissen-Kultur und die Gutmenschen....

Die Welt veröffentlichte heute einen Artikel, in dem sich die Autorin unter dem Titel "Hört endlich auf, gute Menschen sein zu wollen!" damit auseinandersetzte, wie sehr wir durch das Internet unter Druck gesetzt werden, unser Dasein dadurch zu definieren, daß wir Stellung beziehen - zu Allem und Jedem. Wir werden überschüttet von einer "Schlechtes-Gewissen-Kultur", bei der wir uns kaum noch trauen, wir selbst zu sein.
Wir sind für Müsli und Sojamilch und gegen Zigaretten und Alkohol. Wir sind für Fair-Trade-Produkte und gegen H&M-Kleidung. Und gegen den IS, gegen Pegida, gegen Pelze, für die Rettung der Wale und der Flüchtlinge im Mittelmeer und Bio und Öko sind wir sowieso...
"Die kleinliche Achtsamkeit des digital geschulten Schuldgefühls ist das Gegenteil der antiken Sorge um sich. Das digital geschulte Schuldgefühl ist pedantisch und apolitisch, affirmativ und lähmend. Das schlechte Gewissen unserer Zeit ist heimtückisch, es macht vor nichts halt, es fordert seinen Soll, wo auch immer man ist."
Generell hat sich eine Kultur etabliert, die uns Menschen durch die gnadenlose Berieselung im Internet bald keine Wahl mehr läßt: Es ist ja auch so einfach und unverfänglich, durch ein Like oder die Teilnahme bei einer Unterschriftenaktion auf Facebook unseren Protest auszudrücken.
Dabei hinterfragen wir nicht, was z.B. aus solchen Petitionen auf Facebook eigentlich wird. Ich vermute mal, wir retten dadurch weder die Wale, noch verbessern wir die Lage der Näherinnen in Kambodscha. Aber immerhin bleibt uns die Illusion, uns irgendwie  und irgendwo "engagiert" zu haben.
Ich selbst bezeichne dies schon seit langem als unsere "Kultur des schlechten Gewissens", denn ich werde unterschwellig in den ständigen Zustand eben dieses schlechten Gewissens versetzt. Ich werde von den postmodernen "Gutmenschen" geradezu überrannt: Sie engagieren sich, sie gehen zu Protestveranstaltungen, sie arbeiten ehrenamtlich, sie achten darauf, was und wo sie kaufen, sie sammeln Coladosen in ihren Handtaschen, um diese dann mülltrennungsgerecht zu Hause zu entsorgen etcetera etcetera....Alles zeitgeistgemäß und "comme il fault"!
Und ich? Ich stehe daneben, quasi im befleckten Büßerhemd, weil ich mir die sogenannten Fair-Trade-Produkte (die im Übrigen auch nicht ganz so "fair" hergestellt werden, wenn man genauer hinsieht) nicht leisten kann, weil ich zwar Mülltrennung mache, aber mir die leere Coladose unterwegs dann doch nicht in die Handtasche stecke, weil ich mich - meinem Beruf geschuldet - nur zeitlich eingeschränkt ehrenamtlich verdinge, weil ich mich -  aus Überzeugung - nicht instrumentalisieren lassen will und keinerlei protestbehafteten Massenveranstaltungen beiwohne, weil ich mir meine vermeintlich entspannende Zigarette nicht vermiesen lasse und auch noch nicht auf Sojamilch und Müsli umgestiegen bin.....

Kurz gesagt, ich bin das krasse und anachronistische Gegenteil dieser heutzutage so geforderten "Gutmenschen"!
Trotzdem hält sich das schlechte Gewissen bei mir in Grenzen. Man könnte mir nun vorwerfen, dies sei einem übersteigertem Selbstwertgefühl (respektive Egoismus) oder gar einem Stumpfsinn dem Allgemeinwohl gegenüber geschuldet. Mitnichten, mit Verlaub! Eher gönne ich mir den Luxus des Denkens, denn nicht alles, was uns da als notwendig und "political correct" in den Medien eingebläut wird, hält bei näherer Betrachtung das, was es verspricht. Und so tappen wir allzu leicht auch in die vorhersehbaren Fallen, denn Vieles, was uns gestern noch als der Gesellschaft zuträglich "verkauft" wurde, stellt sich heute als unsinnig oder gar als schädigend heraus.
Und so wehre ich mich innerlich auch so gegen diese sogenannten Gutmenschen, die bei genauerer Betrachtung diesem Anspruch meist nicht standhalten können: Ich verneige mich nicht vor der Lady, die im Überfluss lebt und versucht, ihrem Leben mit dem Organisieren von Charity-Parties einen Sinn einzuhauchen - ist es doch nur recht und billig zu helfen, wenn man selbst nicht weiß, wohin mit all seiner Zeit und seinem Geld. Ich verneige mich auch nicht vor jenem sozialem Engagement, das insgeheim anerkennendes Schulterklopfen darob erwartet und damit jene verhöhnt, die ganz im Verborgenen Gutes tun. Ich verneige mich nicht vor dem politisch Engagierten, der am Ende doch nur einer Chimäre aufsitzt, aber dies im Nachhinein niemals zugeben würde. Ich verneige mich auch nicht vor dem Mülltrenner, der insgeheim die Kaffeekapseln in die Tassimo-Maschine steckt und Wasser in Plastikflaschen kauft....

Nun, ich will über den Artikel etwas hinausgehen.
Wie wenig all diese Dinge mit unserem alltäglichen Dasein oder unserem ureigenen Sein zu tun haben, liegt auf der Hand: Nichts von all dem macht uns zu besseren Menschen oder erhebt uns über unsere Mitmenschen. Eher bedient all dies eine Art modernen Ablasshandel. Wir verkennen dabei, daß wir zuallererst bei uns selbst anfangen sollten. War der Ablasshandel im Mittelalter noch der vermeintliche Weg ins verbrämte Paradies, so versuchen wir es nun auf anderem Wege, um unser Gewissen zu beruhigen.
Aber ich für mich brauche das nicht, weil ich tief im Innersten nicht an ein Paradies, eine Hölle oder eine Erlösung glaube. Ich nehme für mich in Anspruch, zuallererst an meine Liebsten zu denken und für sie da zu sein, meinen Mitmenschen nichts Böses zu wünschen, etwaigen Zorn schnell verrauchen zu lassen, empathisch und, so gut ich kann, vorurteilslos zu leben (und ganz heimlich trenne ich trotzdem meinen Müll, trinke Leitungswasser und habe einen permanenten Kaffeefilter....)
Macht mich das alles nun zu einem schlechten Menschen nach zeitgemäßer und angesagter Definition? Vielleicht, aber seien wir ehrlich: Die Welt, die werde auch ich nicht retten können, und sie wird sich weiterdrehen, auch nach meinem Tode! Habe ich aber in meinem so unwichtigen, kurzen Dasein nur einem Menschen etwas wirklich Gutes getan, dann sei mir dies mehr als genug... Ich arbeite daran!

Den interessanten Artikel übrigens könnt ihr hier lesen....