Samstag, 27. Juni 2015

Gedankenspiele...

Schon länger habe ich mich hier nicht mehr zum aktuellen politischen Geschehen geäußert. Zu aufreibend erschien es mir von Zeit zu Zeit. Nach monatelangen vergeblichen Verhandlungen mit den europäischen Partnern und Institutionen steht Griechenland seit gestern mit dem Rücken zur Wand. In der Nacht hat Alexis Tsipras nun zum Volksentscheid aufgerufen....

Goldman sucks...Viel Vergangenheit, zu wenig Gegenwart, null Zukunft

Den heutigen Vormittag habe ich im Athener Zentrum zugebracht, geschäftliche Besorgungen standen an. Da das eine langweilige Angelegenheit ist, ging mir viel durch den Kopf  (und so nebenbei nahm ich auch ein paar Photos auf - entschuldigt die schlechte Qualität...).

So gehe ich durchs Zentrum, an einem Samstag Vormittag, und bin erstaunt, wie ruhig es im Verhältnis zu früher an Samstagen dort ist. Die Athener Fußgängerzone, in der es sonst am späten Vormittag schon recht quirlig ist, war heute noch gespenstisch ruhig. Indes hat sich unser Blick fast gewöhnt an die vielen geschlossenen Geschäfte, an ihre
verunstalteten Fassaden. Das Athener Zentrum, das noch vor einigen Jahren der Mittelpunkt des Geschäftslebens war, verkommt mehr und mehr. Allemal in der großen Fußgängerzone unterhalb des Parlaments versucht man noch, eine Illusion von Normalität aufrecht zu erhalten. Diese wird aber vorranging gespeist durch die internationalen großen Ladenketten, die dort Einzug gehalten haben - und derentwegen man sich im Grunde auch in irgendeiner anderen europäischen Stadt wähnen könnte....

All die dahinterliegenden Straßen jedoch, in denen einst das "griechischere" Leben brummte, wo vor allem die einheimischen Hersteller ihre Läden betrieben, sind heute verwaist oder in fester Hand der Chinesen, die den Markt mit chinesischer Billigstware überschütten. Mich packt beim Anblick dieser Läden zwar das Grauen, aber ich kann ihnen eine gewisse Daseinsberechtigung nicht ganz absprechen angesichts unserer so stark verminderten Kaufkraft und der Agonie der griechischen Produktion.

Schlendert man dann - unweigerlich mit einem beklemmenden Gefühl - weiter durch diese Straßen, erscheint es einem wie ein Wunder, wenn plötzlich eine Percussion-Gruppe ihre Instrumente aufbaut und wunderbar zu spielen anfängt. Da erspürt man das Leben, das normalerweise an so einem Tag hier herrscht, erspürt die Leichtigkeit, die Lebensfreude, die eigentlich in diesem Land herrschen sollten....
Immerhin geht man nach einer Weile des Zuhörens wieder etwas versöhnter weiter, mit der Gewissheit, daß wenigstens die Kultur sich nicht unterkriegen läßt!


Auf dem Weg ins Zentrum hörte ich aufmerksamst eine Radiosendung, bei der die Zuhörer anrufen und ihre Meinung zur aktuellen Lage kundtun konnten. Die Frage war natürlich genau die, die Alexis Tsipras zu nächtlicher Stunde dem Volk gestellt hat: Annahme des EU-Sparprogrammes oder nicht? Ein winziger Querschnitt der Bevölkerung kam zu Wort, die Antwort war überwiegend  ΟΧΙ - NEIN! Nun, diese wenigen Anrufer können keine repräsentative Umfrage sein, aber aus ihren Antworten konnte ich ausnahmslos den verletzten Stolz dieser Menschen heraushören.
Johannes Gaitanides hat im ersten Kapitel zu seinem Buch "Griechenland ohne Säulen" geschrieben:

Eifersüchtig wacht der Grieche über seine Ehre, über die seiner Familie und seines Landes. Wer nicht mit ihr rechnet, hat kein Auskommen mit ihm, mit diesem ehrsüchtigen Volk, dessen Stolz die Geschichte so oft peitschte und mit einer unerreichbaren Vergangenheit belud. Von sensibler Labilität, höchst wachsam sein "Gesicht" hütend, aber auch von selbstverschenkender Dankbarkeit, wo ihm Achtung begegnet, verschließt sich sein empfindsames Selbstgefühl hinter der Fassade der Höflichkeit und Freundlichkeit, die sich nicht so leicht, auch nicht im Augenblick der tiefsten Verwundung, in ihr Inneres blicken läßt.

Wie alle Südeuropäer sind die Griechen stolz. Die Mißstände ihres Landes sind bekannt, und der überwiegende Bevölkerungsteil wünscht sich nichts mehr als deren Beseitigung. Ich bin weder Politologe noch Ökonom, kann mich zu diesen Dingen also nicht wirklich klug äußern. Aber auch mit nur rudimentären mathematischen Kenntnissen ist wohl Jedem klar, daß das Land seine Schulden nie mehr wird bedienen können.
Wenn aber die europäische Führungsriege - und ihre teilweise unsäglichen Vertreter, wie sie uns in den Medien mittlerweile fast täglich begegnen - immer wieder versuchen, diesem kleinen Land mit arrogantem, oberlehrerhaft erhobenem Zeigefinger seine "Hausaufgaben" einzubläuen und es weiter zu demütigen, verkennen sie Eines: Genau an diesem verletzten Stolz und der bereits zu lange andauernden Rezession wird dieser junge, unerfahrene, aber noch unerschrockene Alexis Tsipras ansetzen!
Und so könnte sich ein Bumerang auf den Weg machen, der nicht nur uns in Griechenland, sondern Alle am Ende noch hart treffen könnte.
Noch nie war eine Frage so berechtigt: Ein Ende mit Schrecken oder lieber ein Schrecken ohne Ende?