Freitag, 26. Juni 2015

Wenn du alles bist..........

Vorgestern fand ich auf Facebook in einer Gruppe, die sich mit Literatur beschäftigt, das folgende Gedicht von Erich Fried:

Dich
Dich
dich sein lassen
ganz dich
Sehen
daß du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreißen
das was sich anschmiegen will
Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln
Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem -
nach allem
was du ist
Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und Unwillen
nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit
Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer

Dies paßte genau zu einer Textstelle, die mir in meiner letzten Lektüre von Irvings "In einer Person" unterkam, die ich aber dummerweise nicht angestrichen habe und sie nun partout nicht wiederfinde....
Im Wesentlichen fragte auch diese Textstelle, warum wir immer glauben, den Partner ändern zu können....
Wir haben doch die Wahl!  Natürlich werden wir mit keinem Menschen glücklich, der uns a priori irgendwie konträr zu unseren Vorstellungen und Neigungen erscheint. Diesen "Zeitgenossen" würden wir doch sowieso nicht in unser Leben lassen!  Aber, sofern wir eine grundsätzliche "Übereinstimmung" voraussetzen, bleiben wir nicht trotzdem - und Gott sei Dank -  zwei ganz verschiedene Menschen?

Ein wunderbares Gedicht, das uns lehren sollte, den Anderen einfach "sein zu lassen" !