Montag, 29. Juni 2015

Wenn Metaphern töten.....

Da mein Blog sich mit  Büchern und Literatur - also Sprache im weitesten Sinne - beschäftigt, kann ich nicht umhin, euch auf einen sehr interessanten Artikel auf ZEIT ONLINE aufmerksam zu machen, der sich der Sprache zuwendet, die in diesen für Griechenland so unseligen Zeiten die Medien dominiert.
Im Metaphernsalat der Krise 
http://www.zeit.de/kultur/2015-06/griechenland-krise-metaphern-sprache

Der Autor Nils Markwardt geht in seinen Betrachtungen mit seiner eigenen Zunft hart ins Gericht ob der Wortwahl, die in den Medien vorherrscht. Er spricht von den Rosskuren, dem griechischen Patient, dem Gesundschrumpfen, den toxischen Wertpapieren, dem Sturm, dem Tsunami usw., alles Begriffe aus dem "Repertoire der Medizin und Meteorologie".
Andere Vergleiche wie mit der griechischen Tragödie oder dem Schuldendrama, entbehren indes meiner Meinung nach nicht einer gewissen Logik, handelt es sich ja in diesem Trauerspiel gerade um das Geburtsland der antiken Tragödie, das nun etwas Entsprechendes in der Realität erleben muß.

Nervend wird die Metaphorik da, wo sie sich des Wortschatzes der Belehrung und Erziehung bedient: Von Hausaufgaben und Lektionen ist da ständig die Rede. 
Nebenbei bemerkt: Geradezu ein running gag hier unter uns Deutschen in Athen ist der von Herrn Söder stumpfsinnig wiedergekäute Satz: "Die Griechen müssen ihre Hausaufgaben machen"! Wie sehr sich dieser Gedanke auch schon in mein Gehirn eingenistet hat, konnte ich im Nachhinein an mir selbst festellen, erwähnte ich diesen Gedanken in meinem letzten Beitrag ja auch! 

"Welche Metaphern wir zur Schilderung politischer und wirtschaftlicher Prozesse benutzen, ist keineswegs gleichgültig. Sie hinterlassen nachhaltige Spuren in unserem Denken", stellt denn auch der Autor fest. Gerade das Abgleiten in metaphorische Sphären, die ausschließlich negative Konnotationen beinhalten, erscheint mir in dieser unseligen Berichterstattung der letzten Monate der sprachliche Knackpunkt im Verhältnis der beiden Länder zu sein - wobei ich nicht verhehle, daß Ähnliches genau so auch in den griechischen Medien stattfindet.  

Meine Frage deshalb: Wenn Politiker und Journalisten ihre Sprache nurmehr auf eine "Metaphernmaschine" reduzieren, die immer gleiche Bilder evoziert, mutieren dann nicht diese Bilder ganz automatisch zu Gewissheiten, die schwerlich aus unserem Bewußtsein zu streichen sind?
Der Linguist George Lakoff führt diesen Gedanken sogar so weit, daß er den Satz prägte, daß Metaphern "töten können" (er bezieht sich dabei auf den Irakkrieg...).

Markwardt schreibt denn auch den schönen Satz:
"Wird die Berichterstattung über Griechenland mittlerweile von einer Metaphernmaschine angetrieben, die zuverlässig die immer gleichen Bilder zur Beschreibung des ökonomischen Ausnahmezustandes ausspuckt, ist das bedauerliche daran nicht einmal die enervierende Redundanz und das intellektuelle Desinteresse, das daraus spricht, sondern vielmehr die politische Wirkmächtigkeit, die diese Metaphern langfristig entfalten".

Ihr seht schon, ein lesenswerter Artikel, für Sprach- und Politikinteressierte gleichermaßen!