Sonntag, 19. Juli 2015

Auf der Suche nach der verlorenen Leichtigkeit des Seins...

Dieses Wochenende habe mir mal ganz bewußt wieder Zeit zum Lesen genommen (und auf die im Laptop umherschwirrenden negativen Nachrichten weitgehend "verzichtet")....

Dabei stolperte ich über eine winzige Textstelle:

Susan Sontag, die brilliante amerikanische Essayistin und Intellektuelle, deren Biographie ich gerade lese, schrieb einmal, daß das Lesen für sie einen Triumph dargestellt hätte, einen "Triumph des Nicht-Ich-Selbst-Sein-Müssens".... Neben diese Stelle machte ich sowohl ein Ausrufe- als auch ein Fragezeichen.

Ein interessanter Gedanke, weil es ja tatsächlich so ist, daß wir beim Lesen andere Leben uns er-lesen, ertasten, erfühlen, uns auf Gedankenwelten einlassen, die, im besten Falle, unserer eigenen vollkommen konträr oder einfach nur neu sind. Nur durch konträre oder neue Erfahrungen könnten wir beim Lesen nicht mehr "wir selbst" sein.

Die Frage stellt sich dann nur, ob wir dies auch wirklich wollen sollten. Oder geht es beim Lesen nicht vielmehr darum, uns andere, interessante Gedankengebäude so einzuverleiben, daß sie unser bereits bestehendes Ich erweitern. Trotz all der Bücher, die mich durch mein Leben begleitet haben und noch begleiten: Ich hatte nie das Gefühl, ich wollte dabei nicht mehr ich selbst sein.
Aber ich hatte schon das Gefühl, daß mir selbst dieses Ich nicht reicht, oder, daß dieses Ich mir - nach wie vor - äußerst ungenügend erscheint. Es ist dies das bekannte Gefühl, daß man weiß, daß man einfach zu wenig weiß vom Leben allgemein....
Insofern begreife ich Lesen nicht als "Rettung vor mir selbst" wie Sontag. Lesen kann ganz profan ein Austreten aus dieser Suche nach der verlorenen Leichtigkeit des Seins bedeuten, wie sie uns hier in Griechenland gerade heimsucht. Aber Lesen kann auch unser Ich erweitern und damit auch verändern, aber eben immer nur im Sinne einer Erweiterung und keiner Verneinung oder Neuerfindung.
Beim Lesen von Sontags interessanter Biographie stelle ich fest, daß diese Frau das Lesen von Anfang an zutieftst als Mittel empfand, sich über das beengende Korsett ihrer Jugend im Amerika der 40 und 50er Jahre hinauszuerheben. Und ich kann nachvollziehen, daß ihr endgültiger Lebensweg am Ende eben genau als dieser "Triumph" erscheinen mußte.
Interessant also zu sehen, was Lesen und Literatur dem Menschen bedeuten kann - für Manchen kann es so fast ein neues Leben erfinden! Das Buch über Susan Sontag ist übrigens lesenswert!