Donnerstag, 2. Juli 2015

Denk ich an Griechenland....

Bei all dem Gerangel um das kommende Referendum in Griechenland, bei all dem Lesen von Artikeln und Beiträgen im Internet, bei all dem Reden mit den Menschen um mich herum kam mir spontan heute Heinrich Heine in den Sinn....mit einer kleinen "Veränderung":
Denk ich an Griechenland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht...

Für die Interessierten, die sich eine Meinung bilden wollen - oder müssen - ist der Wust an Informationen schier unübersichtlich geworden. Das Fernsehen bombadiert uns fast im Minutentakt mit Sendungen zum Thema, online-Redaktionen posten ohne Unterlaß ihre Beiträge und Kolumnen, auch fragwürdige Blogs des Internets verbreiten ihre Theorien. Es ist kaum noch möglich, sich da irgendwie zurechtzufinden. Und natürlich entgeht man auch den unzähligen persönlichen Meinungen der Facebook-User nicht...
Jetzt darf ich als Deutsche hier in Griechenland ja nicht abstimmen, dennoch frage ich mich, wohin ich denn mein "Kreuzerl" setzen würde, wenn ich dürfte... Immerhin ärgert mich der Umstand, daß ich in diesem Fall nicht abstimmen darf, lebe und arbeite ich doch seit 20 Jahren hier.

Denkt man über diese Wahl nach, der sich die Griechen in 3 Tagen stellen müssen, so kommt mir als erstes ein griechisches Sprichwort in den Sinn
"μπρος γκρεμός και πίσω ρέμα"
Frei übersetzt steht man dabei zwischen zwei Feuern, und so ist es eine Metapher für das Dilemma, in dem sich die Griechen nun befinden:
Sie haben die Wahl zwischen einem von den "Institutionen" auf Jahrzehnte bereits vorausberechneten ärmlichen Leben, bei dem sie gleichzeitig jedoch ein gewaltiges Wirtschaftswachstum stemmen müßten - ohne daß - zumindest bisher - konkrete Pläne in Form eines "Marshallplans" existieren.

Oder sie verweigern sich am Sonntag diesen weiteren sogenannten "Hilfsprogrammen" und koppeln das Land damit von weiterem Geldfluß, vielleicht von der Euro-Währung und irgendwie - wenn auch nicht rechtlich - auch von der Eurozone ab, mit unvorhersehbaren Folgen.

Wie man sieht, ist Beides nicht gerade das Gelbe vom Ei und ich neide es keinem hier, daß er so eine Wahl treffen muß...

Ohne auf die Einzelheiten eingehen zu wollen - oder zu können - komme ich selbst nach langem Nachdenken jedoch zum Schluß, daß ich mit NEIN stimmen würde. 

Meine Gründe sind einfach:
1. Ich persönlich kann mit meiner kleinen Werkstatt keine weiteren Steuererhöhungen mehr erwirtschaften. Ich würde zweifelsohne noch weiter in die Mühle der Steuerschulden absinken und damit wäre der endgültige Konkurs nur eine Frage der Zeit. 
2. Wenn das wenige Geld, das der griechische Staat einnehmen könnte, gleich wieder an die Gläubiger geht und nicht im Land selbst investiert werden kann, wird die wirtschaftliche Rezession ungebremst ihre Talfahrt fortsetzen.
3. Wenn die Griechen nicht endlich quasi gezwungen werden, sich auf die eigenen Füße zu stellen, wird es hier nie zu den so nötigen tiefgreifenden Reformen kommen. (Dies übrigens ein Gedanke, den der ehemalige IWF-Chef Strauss-Kahn schon 2010 geäußert hat - bevor man ihn absägte!).
4. Sollte die Mehrheit für diese "Hilfsprogramme" stimmen, wird die junge Regierung zurücktreten - unzweifelhaft auch das ein Ziel, das die "Institutionen" und meisten europäischen Regierungen im Auge hatten, als sie der gr. Regierung Angebote machten, die diese nur abweisen konnte.  In Ermangelung irgendwelcher Alternativen wird die alte, korrupte Politikerriege sich zurückmelden, ein absolutes Horrorszenario für uns alle hier!
5. Und mein letzter Gedanke: Die Krise Griechenlands hat wohl allen Europäern vor Augen geführt, daß etwas faul ist "im Staate Europa". Einen "einenden" Europa-Gedanken gibt es nicht. Mehr denn je spielen nationale und wirtschaftliche Interessen die Hauptrolle. Und dieses hoffnungslose Gebilde ist nicht das Europa, das ich mir für mein Kind und die kommenden Generationen wünschen kann!

Jakob Augstein schrieb heute noch auf Spiegel-Online: 
Aber vielleicht gelingt den Griechen durch das Referendum am Sonntag genau das: 
den Kontinent mit jener Krankheit zu infizieren, die von der Macht des Geldes 
am meisten gefürchtet wird - Hoffnung.

Dies wären meine ganz persönlichen Überlegungen, dürfte ich am Sonntag wählen.
Nun, in ein paar Tagen werden wir es wissen. Bis dahin müssen wir uns gedulden. Daß es einschneidend und wahrscheinlich fast untragbar für uns alle hier werden wird, ist klar - ganz egal, wie das Volk sich entscheiden wird!