Donnerstag, 23. Juli 2015

Diese ganze Unendlichkeit wird ein einziges Tosen....- Alessandro Baricco

Denn so ist es immer, es genügt der Schatten eines Menschen, 
um den Frieden dessen zu zerschlitzen, was im nächsten Augenblick 
hätte Wahrheit werden können....

Wir kennen das wohl Alle: Manchmal passieren Dinge im Leben, die einen zutiefst bestürzen, befremden, verunsichern und so viel mehr beschäftigen als man das erwartet hätte...

Versucht man sich nach dem ersten Durchatmen dann in Besonnenheit, tut Ablenkung Not, und so fiel mir gestern ein schon fast vergessenes kleines Juwel in die Hand: Alessandro Bariccos Oceano Mare - Das Märchen vom Wesen des Meeres.
Als ich das Buch aufschlug, sah ich als erstes meinen Eintrag, wann und wo ich es gelesen habe (etwas ungewöhnlich für mich). Aber im Nachhinein wohl erklärbar, las ich das Buch doch an einem Ort und zu einer Zeit, die zu den existenziellsten Erfahrungen meines Lebens gehört hat. Beim Weiterblättern fand ich unzählige Anmerkungen, Unterstreichungen, Fragezeichen etc. Das Buch ist voll davon - ich könnte es also niemals mehr verleihen!
Allein all diese meine Bemerkungen zu sehen, war schon ein seltsames Gefühl. Trotzdem begann ich wieder darin zu lesen, und was als anfängliches "Querlesen" begann, endete in dem bedingungslosen Eintreten in die Welt dieses kleinen Romans.

Nun, dieses Buch hier adäquat zu beschreiben, ist mir unmöglich. Irgendwann und irgendwo in einer kleinen Pension am Meer, finden sich ein paar Menschen zusammen: Da ist der Maler, der seine Bilder mit Meerwasser malt, da ist die junge Frau, die an einer seltenen, nicht fassbaren Krankheit leidet, da ist der Naturforscher, der verzweifelt versucht, das "Ende des Meeres" zu erfassen, da ist die Ehefrau, die ihren Mann betrogen hat, und und....
Sie alle erhoffen sich, daß das Meer ihnen Heilung und Rettung sein möge.

Und so entspinnt sich ein Reigen von Lebensgeschichten, von kleinen Begebenheiten, von tiefsten Einblicken in die menschliche Seele und das menschliche Dasein - umrahmt und bestimmt vom "Wesen des Meeres"....


Tatsächlich gibt es Augenblicke, in denen das allgegenwärtige und logische Netz 
kausaler Zusammenhänge vom Leben überrumpelt kapituliert und ins Parkett hinabsteigt, 
um sich unter das Publikum zu mischen und zuzulassen, daß auf der Bühne eine unsichtbare 
Hand im Licht einer schwindelerregenden, plötzlichen Freiheit im unendlichen Schoß des 
Möglichen fischt und von Millionen Dingen ein einziges geschehen läßt...

Baricco schreibt in dieser begnadeten, bezaubernden Sprache, der man sich einfach nicht entziehen kann - weit mehr als das, Seite um Seite wird man nicht nur von der Geschichte selbst, sondern eben auch von dieser Sprache in den Bann gezogen.

Nun, das Büchlein löst die großen Lebensfragen nicht - wie auch sonst kein Buch -, aber es läßt den Leser atemlos und irgendwie auch "erschlagen" zurück angesichts all der Gedanken und Fragen, die Baricco da aufwirft. Ich will dieses Buch hier nicht einfach "empfehlen", ich will es Euch ganz einfach ans Herz legen!