Montag, 6. Juli 2015

Ich bedarf einer Krisis...... Friedrich von Schiller

Das "heiße" Wochenende ist vorbei. Griechenland hat sich mit großer Mehrheit gegen die tödlichen Sparmaßnahmen der Institutionen ausgesprochen.
Wenn ich auch zeitweise noch im Zweifel war, wie es letztendlich ausgehen wird, so bestätigt nun diese Wahl auch das, was ich in meinem Blog vor einer Woche vermutet habe: Die europäische Politikerriege hat einen Faktor stark unterschätzt- das Gefühl des Stolzes der Griechen!
Deutsche Kommentatoren wiederholen seit gestern mantraartig, die Griechen hätten wohl gar nicht richtig gewußt. wofür oder wogegen sie abstimmen. Aber, meiner Meinung nach, spielt das am Ende keine Rolle. In der Mehrheit stimmten die "Nein-Sager" für ihre Autonomie - nicht die politisch-wirtschaftliche, eher für die ontologische, sofern wir sie als Selbstverständis begreifen wollen.
Es hat sich nun bewahrheitet, daß man einem Volk dieses Selbstverständis nicht so ohne Weiteres absprechen kann, daß man es nicht bis zum Anschlag realiter knechten und moralisch erniedrigen kann (wobei ich, wie schon öfter betont, nicht verschweigen will, daß nicht Weniges faul im griechischen Staat ist!).

Seit heute Morgen überschlagen sich die Ereignisse weiter.
Der interessante, jedoch streitbare griechische Finanzminister, der als Wirtschaftswissenschaftler auf dem politischen Parkett keine glückliche Figur machen konnte, weil er vollkommen außerhalb seiner "Welt" war, trat am frühen Morgen zurück. Die Banken bleiben auch weiterhin geschlossen. Die europäischen "Partner", doch immerhin etwas "irritiert" über dieses klare NEIN, üben sich in verstärktem Säbelrasseln und Endzeitevokationen. Aber dies alles ist nur zu bekanntes Kalkül in den "höheren" Sphären der Politik.
Immerhin: Ein Kampf findet wohl statt, ein Kampf zwischen humanistischen Werten in einem solidarischen Europa und geldgierigem, hegemonialem Machtdenken ....

Wir Menschen hier wissen nicht, was uns morgen erwarten wird. Wir begnügen uns mit dem Abwarten, dem Hoffen, dem Bangen, dem von der Hand in den Mund leben. Wir wissen nicht, wie lange die Bankautomaten noch "Papier" ausspucken werden, wir wissen nicht, wie lange und ob wir Arbeit haben werden, wir wissen nicht, was aus uns werden soll, sollten wir überraschend krank werden....

Ich lebe nun seit 21 Jahren hier, fühle mich den griechischen Mitmenschen natürlich inzwischen näher als meinen deutschen Landsleuten. Ich bin zu lange aus Deutschland weg, um auch die täglichen Belange und Probleme der Deutschen wirklich richtig einschätzen zu können. Unser Leben ist nur da, wo wir real sind. Und gerade als Deutsche in Griechenland schmerzen mich all die haßerfüllten Aussagen, die gegenseitigen Schuldzuweisungen, die gegenseitige Häme.... All das hat mit mir, mit meiner Familie, mit meinen griechischen und deutschen Freunden so gar nichts zu tun!

Wähnte ich noch vor einiger Zeit ein vereintes Europa ohne Grenzen als das erstrebenswerte Ideal, in das mein Kind und die kommenden Generationen als "Europäer mit nationalen Wurzeln" hineinwachsen sollten, so zeigt mir die Erfahrung der letzten Monate, daß wir davon weiter entfernt sind als jemals zuvor.
Wir sind nicht in der Lage, die Mentalität des anderen "Europäers" zu akzeptieren, geschweige denn zu verstehen. Dabei höre ich nichts von dem, was Kommentatoren und Politiker in den letzten Tagen über das "andere" Volk so von sich gegeben haben, in meinem privaten Umfeld!!!

Entsprechend irreal erscheint mir das ganze Geschehen um mich herum manchmal...
Real für uns Alle hier bleibt nur die existenzielle Krise.


Ich bedarf einer Krisis. 
Die Natur bereitet eine Zerstörung, um neu zu gebären.
Friedrich von Schiller