Montag, 13. Juli 2015

Zwischen Panik, Gleichmütigkeit und Fatalismus.... ein Land

Was ist nur aus uns geworden!?
An diesem heutigen Sonntag - es ist nun schon Abend - soll(te) nun endlich die große "Entscheidung" fallen. Und ich weiß, daß ich wie oft in den letzten Tagen keinen Schlaf finden werde....
Welche Entscheidung? Ob wir hier weiter durch noch härtere Sparmaßnahmen abgewürgt werden oder ob wir aus dem Euro austreten. Beides könnte  - on the long run - für viele Menschen hier ein Fiasko werden....
Nach Wochen des Lesens, des Diskutierens mit Gleich - oder Ungleichgesinnten bin ich mittlerweile so unsäglich müde. Im Grunde will ich nur mein "altes" Leben zurück. Nicht, daß dieses Leben aufgrund der Krise nicht auch unendliche Probleme hatte, aber irgendwie war man nicht in einer so permanenten nachtdunklen Stimmung wie gerade die letzen Wochen...
Ich muß wirklich hart an mir arbeiten, mein "normales" Leben weiterzuführen, mich tagtäglich auf meine Arbeit zu konzentrieren, damit ich finanziell überleben kann, und auf all das, was mir darüberhinaus wichtig ist. Ich stelle tagtäglich fest, wie so unendlich schwer mir das fällt. Jeden Morgen z.B. sehe ich den Laptop vor mir, und anstatt wie sonst, mir bei meinem ersten Kaffee meine absolut "heilige" halbe Stunde Lesezeit in einem Buch zu gönnen, öffne ich nun diesen idiotischen Kasten, um die neuesten Nachrichten und Artikel zu lesen. Wozu? Nur, um mich danach noch schlechter zu fühlen...
Noch nie war ich soviel im Internet wie in den letzten Monaten, noch nie hatte ich so sehr das Gefühl, irgendetwas Entscheidendes zu verpassen; und ich hasse mich dafür, weil es nicht zu meinem Ich paßt - mein Gott, ich besitze ja nicht mal einen E-Reader, weil ich ein zutiefst haptischer Mensch bin und Alles um mich herum wie eine Blinde ertasten muß!!!  Am liebsten würde ich den Kasten aus dem Fenster schmeißen (wenn ich ihn nicht unbedingt auch für meinen Job bräuchte  - und Geld für einen neuen hätte)!

Die Krise hat uns Menschen irgendwie auch uns selbst entfremdet. Wir können uns der Unsicherheit nicht entziehen, wir schotten uns ab, wir fallen notgedrungenermaßen auf uns selbst zurück. Viele meiner Freunde in Deutschland stellen sich das alles hier oft sehr dramatisch vor. In den Medien sehen sie nur die Suppenküchen, die Obdachlosen, das Elend....
Aber so ist es natürlich nicht überall. Wir, die wir noch der sogenannten unteren "Mittelschicht" angehören und in den bourgeoisen (will sagen zutiefst kleinbürgerlich-engstirnigen) Vierteln von Athen leben, sind noch nicht am Verhungern oder hängen über irgendwelchen Mülltonnen auf der Suche nach Essensresten. Natürlich haben viele von uns erdrückende Schulden, aber wir bemühen uns, mit zusammengebissenen Zähnen durchzuhalten.
Dieses sogenannte "Durchhalten" jedoch ist für mich das Fragwürdigste überhaupt, impliziert es doch, daß ich wissentlich einer grundlegenden Illusion erliege: Ich weiß, daß ich ohne echten wirtschaftlichen Aufschwung meine Schulden im Leben nicht mehr werde abbezahlen können, verschließe mich aber dieser unumstößlichen Wahrheit ganz bewußt, weil ich sonst nicht weiterleben könnte...
In Gesprächen mit Freunden "beruhigen" wir uns gegenseitig, öffnen unsere Gedanken aber tatsächlich nicht wirklich, verbergen unsere allerallertiefsten Zukunftsängste. Nur Wenige sind es, bei denen ohne viel Worte echtes Verständnis aufkommt - nicht, weil sie uns wirklich näher als andere stünden, sondern, weil sie in genau der gleichen existenziellen Falle sitzen (genau wie die griechische Regierung, die einen Schuldenschnitt benötigte!)

Und so liegt die Dramatik der menschlichen Situation hier in Griechenland nicht nur im großen Plakativen, sondern auch im kleinen Camouflierten.
Manche meiner Freunde und Bekannten leben ihr Leben, wenn auch mit kleinen Einschränkungen, weiter wie bisher. Andere werden panisch, treffen vorschnelle Entscheidungen oder stürzen ab ins Nichts. Andere wiederum werden fatalistisch. Die Meisten jedoch machen es wohl so wie ich und "schlingern" wie auf einer Eisscholle dahin - mal optimistischer, mal pessimistischer, mal kämpferischer, mal defensiver, aber instinktiv immer auf der Hut vor dem, was "die da oben" entscheiden werden, was dies konkret für uns bedeuten könnte (deshalb wohl auch der Drang, keine Neuigkeiten zu verpassen, weil sie einem tatsächlich auf einmal so "lebenswichtig" erscheinen!).

Auch dies eine Folge der Krise: Man weiß nie, was der nächste Morgen bringen wird, wie man den nächsten Tag erfühlen und erleben wird. Ich habe es in den letzten Posts ja schon öfter geschrieben: wir leben "von Tag zu Tag".
Viele sagen diesen Satz so kokett vor sich hin, im epikureischen oder auch fatalistischen Sinne oder im Sinne eines positiven "carpe diem": aber Tatsache ist, daß ich nun schon zum zweiten Mal in meinem Leben dieses so wunderbare Motto nicht wirklich wählen durfte - es ist mir zum zweiten Mal in meinem Leben eine Folge, eine Notwendigkeit, eine mir auferzwungene Überlebensstrategie, aber nicht mein freier Entschluß!
Und entzieht allein diese auferzwungene Notwendigkeit oder Folge mir als Mensch nicht meine grundsätzliche Freiheit, die mir immer bedeutet hatte, das Motto "carpe diem" zutiefst positiv zu denken, zu erfahren und zu leben anstatt es nur als ein schales Motto akzeptieren zu müssen...