Donnerstag, 1. Oktober 2015

Wo Politik ist oder Ökonomie, da ist keine Moral. - Friedrich von Schlegel

Einige Zeit ist vergangen seit meinem letzten Beitrag. Die Griechen haben die Wahlen hinter sich gebracht - mal wieder. Ein treuer Leser meines Blogs bemängelte neulich, daß er hier schon länger keine Neuigkeiten zu lesen bekäme ... (Du hast ja Recht, lieber J., eine kleine "Bestandsaufnahme" ist wohl angebracht):

Das Wahlergebnis könnte man wohl am ehesten mit den Worten beschreiben: "Es hätte schlimmer kommen können" oder auch "Es gab keine andere Wahl".
Tatsächlich konnte Alexis Tsipras nochmals einen Teil des Volkes davon überzeugen, daß nur er in der Lage wäre, die Probleme des Landes zu lösen. Die Wahlbeteiligung war erschreckend gering - so viele meiner Freunde und Bekannten wußten am Morgen des Wahltages noch nicht, was und ob sie wählen sollten. Tatsächlich ist es momentan "personell" schlecht bestellt um fähige Politikerpersönlichkeiten. Mit dem großen Versprechen, die Verhandlungen über die Austeritätspolitik neu aufzunehmen und Erleichterungen des Sparprogrammes auszuhandeln, bekam Tsipras zwar nicht die absolute Mehrheit, konnte aber immerhin die alte korrupte Politikerriege der Nea Demokratia in Schach halten. Nebenbei konnte Tsipras sich auf diesem Wege auch der Meuterer von der links außen Position in der eigenen Partei elegant entledigen, die zwar den Zwergenaufstand probten, aber mit ihrer neu gegründeten Partei nicht ins Parlament einziehen konnten ...

Man muß kein Hellseher sein, um zu verstehen, daß das mit dem "Neuverhandeln" wohl zunächst einmal als eines dieser nichtssagenden Wahlversprechen angesehen werden muß, mit denen Politiker aller Parteien gewohnheitsmäßig auf Wählerfang gehen. Mit echten Erleichterungen für den Bürger ist nicht zu rechnen. Nebenbei bemerkt, ich wundere mich dabei immer wieder über das Wort Versprechen in diesem Zusammenhang, müßte es nicht eigentlich Irreführung heißen? Aber wie das nun mal so ist - im Leben wie in der Politik -, der Mensch will belogen werden, weil er die Wahrheit nur schwer ertragen könnte. 

Inzwischen sind schon die nächsten, von den Geldgebern geforderten Maßnahmen im griechischen Parlament durchgesetzt worden. Es läuft also alles fröhlich nach Plan. Wir Menschen hier leben unser Leben unterdessen weiter. Diejenigen, die schon vorher keine Probleme hatten, haben auch jetzt keine. Und die Vielen, die in der Krise untergegangen sind oder denen das Wasser nach wie vor bis zum Halse steht, schlagen jeden Tag ihre eigenen kleinen Schlachten!

Die Weltöffentlichkeit - und besonders die Deutschen - interessieren sich momentan eher weniger für die Griechen. Die Flüchtlingskrise, der Syrien-Konflikt und seit ein paar Tagen nun auch der VW-Skandal überschatten alles. Daß letzterer bei den Griechen eine gewisse Schadenfreude hervorruft, ist verständlich, galten sie doch bis dato als die alleinigen Schlawiner der Europäischen Familie und mußten sich gerade von den Deutschen mit der moralischen Keule knüppeln lassen. So sehr dieses kleine Land in den ersten Monaten des Jahres beäugt und medial ausgewrungen wurde, so sehr herrscht nun relatives Stillschweigen. Ab und zu läßt sich eine Stimme aus Brüssel vernehmen. Mal heißt es mit versteckt drohendem Unterton, man habe vollstes Vertrauen, daß Griechenland seine Auflagen erfüllen werde, mal stammelt ein anderer schüchtern ins Mikrophon, er habe doch etwas Bedenken, ob die neue Regierung zu ihren Verpflichtungen stehen werde ... Political business as usual! Und Alexis tourt inzwischen durch die Welt auf der verzweifelten Suche nach Investoren - die sich wohl schwer werden finden lassen, ist es doch gerade für Unternehmer äußerst unattraktiv auf Jahre hinaus hier in Griechenland. 

Die Wienerzeitung veröffentlichte gestern ein Interview (hier) mit Pierre Laurent, dem Vorsitzenden der Europäischen Linken. Dieser sprach den denkwürdigen Satz: 

Der Mut der griechischen Regierung hat gewonnen: Sie haben sich gegen die Sparpolitik 
der Troika gestellt, um die Griechen vor ihren Folgen zu beschützen - trotz des mit der 
Syriza-Regierung beschlossenen Hilfsabkommens vom Juli, von dem die griechische 
Bevölkerung eigentlich nicht wollte, daß es unterzeichnet wird.

Nun, ich wollte euch diese hehren Worte nicht vorenthalten, weil sie in ihrer Absurdität ihresgleichen suchen. Stünden sie in einem Schulaufsatz, hätte der Lehrer mit 10 Fragezeichen daneben geschrieben: "Erst denken, dann schreiben!"  
So sehr ich auch lachen mußte, wurde mir jedoch danach bewußt, daß so ein Satz wohl in etwa widerspiegelt, was Politik ausmacht. Beim Lesen und Hören all der Äußerungen (fast) all der Politiker all der Länder möchte man sich eigentlich nur noch jeden Tag fröhlich bei einem Glas Wein zuprosten: Herzlich willkommen in Absurdistan!

Zu meinen heutigen Überlegungen passen denn auch diese wunderbaren Verse von Franz Grillparzer:

Der Minister des Äußern
kann sich nicht äußern;
der Minister des Innern
ist schwach im Erinnern,
der Kriegsminister
trägt Szepter und Kron im Tornister,
der Minister der Finanzen
muß nach jedes Pfeife tanzen,
der Minister des Handels
ist unsichtbaren Wandels,
der Minister der Justiz
hat nicht Stimme, nur Sitz,
der Minister des Kultus
ändert Kultus in Stultus,
der Chef der Polizei
schüttelt den Kopf dabei.