Dienstag, 24. November 2015

Eine Geschichte von vielen ...

Die Athener Griechenland-Zeitung hatte vor ein paar Wochen einen Schreibwettbewerb ausgerufen. Unter dem Thema "Was verbindet mich mit Griechenland" konnten Leser ihre eigenen Geschichten einsenden, die dann in der Online-Präsenz der Zeitung veröffentlicht wurden.
Mehr als hundert Geschichten wurden eingesandt, viel Schönes und Anrührendes ist da zu lesen.
Meine kleine Geschichte möchte ich mit Euch hier in meinem Blog teilen ...

Nur eine Geschichte von vielen

Das Land der Griechen mit der Seele suchend ... Welch ein Klischee und welch eine Anmaßung für den Beginn einer kurzen Geschichte, werdet ihr jetzt sagen - und dennoch: Zuerst fand meine Seele nicht das Land, sondern seine Menschen und darunter einen ganz besonderen ...

So bin auch ich, wie so viele andere, „der Liebe wegen“ nach Griechenland gekommen. Mit viel vorurteilsloser Neugier und auch manchen Ängsten. Im Gepäck ein ausgefülltes Leben, das ich sehr schweren Herzens zurückließ.
Immerhin, bei meiner Ankunft auf dem Athener Flughafen an einem Dezemberabend vor mehr als 20 Jahren, konnte ich meinen Augen kaum trauen: Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel! Kurz hielt ich inne, schloß die Augen und ließ die Flocken mit meinem Gesicht verschmelzen. Sekunden nur, die ich aber ganz bewußt als gutes Omen nahm, denn so fern erschien mir da die eben verlassene winterliche Heimat gar nicht mehr ...

Von Anfang an war die griechische Großfamilie das Sicherheitsnetz, das anfängliches und unvermeidliches Stolpern auffing. Das befürchtete sich Fremdfühlen stellte sich nicht ein. Nach der ersten Zeit, die in der manchmal auch fast erdrückenden Fürsorge meiner neuen Großfamilie aufging, mußte ich mir vorsichtig meine kleinen „Privaträume“ zurückerobern, ohne dabei diese lieben Menschen zu verletzen. Und so kann ich sagen: Mit all ihrer Liebe und ohne große Worte hat es meine „zweite“ Familie verstanden, mich vorurteilslos als eine der Ihren zu akzeptieren.

Auch in beruflicher Hinsicht gab mir dieses Land die Möglichkeit, meinen kleinen Traum einer Buchbinderwerkstatt zu verwirklichen - wobei das Fehlen manch eherner Vorschrift auch ein Segen sein kann! Es war nicht immer leicht, die Bürokratie oft skurril, die Arbeitsstunden ungezählt. Insbesondere in diesen widrigen Zeiten ist das Leben als Kleinunternehmerin in Griechenland gelinde gesagt abenteuerlich. Aber: noch gibt es meine kleine Werkstatt! Und so kann ich sagen, daß Griechenland es trotz aller Imponderabilien ganz gut mit mir gemeint hat. Es erlaubte mir, eine berufliche Wende zu vollziehen, wie ich dies in Deutschland wohl nie gewagt hätte.

Was verbindet mich also mit Griechenland? Nicht die Sonne, nicht das Meer, nicht die kulturellen Güter - all dies findet man in unzähligen Variationen auch andernorts auf dieser Welt.   Griechenland – das ist für mich in erster Linie seine freundlichen, humorvollen Menschen. Ihr „anarchischer Individualismus“ (wie es Johannes Gaitanides einmal bemerkt hat bezüglich des Verhältnisses des Griechen zu seinem Staat) birgt dann auch im Persönlichen eine Befähigung zur offenen Begegnung mit jedem Fremden.  Nie hatte ich das Gefühl, mich irgendwie „verbiegen“ zu müssen, um akzeptiert zu werden. Selbst in den letzten Zeiten der aufgepeitschten Ressentiments ist mir noch kein einziger Tag Fremdfühlens zugestoßen.
 Ach, und noch eine Kleinigkeit: Griechenland ist Licht; dieses berühmte Licht, von dem schon so viele geschrieben oder versucht haben, es mit ihren Kameras oder Pinseln einzufangen. Kommt man aus dem raueren Klima Deutschlands, verliert man sich in dieser Helligkeit, in dieser Klarheit, in den so scharf umrissenen Konturen und Schattierungen, die dieses Licht erzeugt. Manchmal glaube ich, es ist auch dieses Licht, das uns Fremde hier so hell aufnimmt ...

Mit Griechenland verbindet mich die Gewissheit, daß ich die letzten Jahre nicht mehr missen will; daß dieses Land trotz seiner Schwierigkeiten, manchmal auch ärgerlichen Unkorrektheiten, seiner wirtschaftlich-politischen Wirren und seiner fraglichen Zukunft mir eine zweite, zutiefst menschliche Heimat geschenkt hat.
Und so muß ich doch noch einmal einen  „Klassiker“ bemühen: Konstantinos Kavafis beendet sein berühmtes Gedicht Ithaka mit den Zeilen

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt, Ithaka betrog dich nicht.
So weise, wie du wurdest, in solchem Maße erfahren,
wirst du ohnedies verstanden haben, was die Ithakas bedeuten.

Nun, weise bin ich sicher nicht geworden auf meiner Lebensreise, die mich hierher geführt hat. Etwas erfahrener sehr wohl. Aber das Wichtigste: „Mein“ Ithaka hier hat auch mich nicht betrogen!