Donnerstag, 28. Januar 2016

Zeitläufte........

Wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen, daß die Zeitläufte ihren eigenen Weg gehen. Die vergangenen Tage waren wieder ein Schlag ins Gesicht derer, die dem Untergangsgeheul ihre unbeirrbare Zuversicht auf eine humanitäre Gesellschaft entgegenstellen. So manch einer ruft nach der finalen Revolution – gegen das „System“, gegen dessen Politiker, gegen die kapitalistische Ausbeutung, der wir alle unterworfen wurden in den letzten Jahren. So manch einer sieht die Krux in den überbordenden Exzessen der rechtslastigen und gewaltbereiten Mitbürger, die ihren persönlichen Frust genau gegen jene richten, die am wenigsten damit zu tun haben und ihnen im Grunde nur als Sündenbock dienen. Vor einiger Zeit habe ich schon vom „Untergang des Abendlandes“ geschrieben – nicht im Sinne derer, die darin den Untergang des geliebten westlichen status quo diagnostizieren, sondern eher im Sinne des Spenglerschen Begriffes der zyklischen Veränderung dieses status quo. Gesellschaften und Kulturen verändern sich permanent, so sehr man sich dieser Tatsache auch in nahezu kleinkindlichem Eigensinn entgegenstellen mag.
Gestern jährte sich der 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Aus diesem Anlaß erinnerte man sich auch an Primo Levi, den herausragenden italienisch-jüdischen Schriftsteller, der uns in seinen Schriften die Greuel des Holocaust hinterlassen hat. Das folgende Zitat beschreibt genau das Gefühl, das ich in den letzten Monaten hatte: Die bittere Erkenntnis, daß nicht die wenigen Schreier das wirkliche Problem unserer gegenwärtigen Gesellschaft sind, sondern die Stillen, die Unbemerkten, die Kriecher, die erst im Schutze einer größeren Masse ihre ganz eigene, perfide Art von „Zivilcourage“ entfalten – all jene, wie sie uns ja auch hier im Internet tagtäglich begegnen. SIE sind im Grunde das Zünglein an der Waage unserer kommenden Gesellschaften  ...
Wenn wir uns ihrer ureigenen Feigheit, ihrem maulwurfartigen, Zweifel streuenden Genöle ergeben, ergeben wir am Ende uns selbst und unsere Überzeugungen.