Montag, 8. Februar 2016

Ich bin immerhin 82 Jahre alt und habe mich, soweit ich es weiß, noch nie sehr intensiv für mich interessiert - Inge Jens

Schon seit längerem habe ich kein Buch mehr so verschlungen, wie dieses hier. Inge Jens, die Frau von Walter Jens, dem Altphilologen und homme de lettres, wie er sich selbst gern bezeichnete, der meine Generation begleitet hat. Seiner Frau "begegnete" ich bewußt erst vor ein paar Jahren, als sie in einer Talkshow von der Alzheimer-Erkrankung ihres Mannes erzählte. Ich war von ihr beeindruckt.
Und nun kamen mir ihre "Unvollständigen Erinnerungen" zufällig unter.

Wir erleben hier ein faszinierendes Frauenleben, ihrer Zeit weit voraus. Jahrgang 1927, aufgewachsen in Hamburg, studiert sie nach dem Krieg Germanistik und Anglistik in Tübingen, wo sie bald auch Walter Jens begegnet. Sie heiraten, kurz nach ihrer Promotion kommt der erste Sohn zur Welt. Neben Walter taucht sie ein in die Welt der Schriftsteller, Literaten und Intellektuellen der jungen Bundesrepublik. Nun könnte man meinen, sie hätte sich selbst neben so einem herausragenden Mann verloren - oder wäre zumindest ganz seinem Dasein "untergeordnet" gewesen. Aber ganz im Gegenteil erarbeitet sie sich im Laufe der Jahre ihr ganz eigenes Terrain und profiliert sich als Herausgeberin, u.a. der Briefe Thomas Manns an Ernst Betram und der Briefe und Aufzeichnungen der Geschwister Scholl. Sie beschreibt so eindringlich wie bescheiden diesen Weg hin zu ihrer ganz eigenen beruflichen Bestimmung:

"Zum ersten Mal bemerkte ich, was es bedeutete, als eine eigenständige Persönlichkeit und nicht länger nur als Frau eines interessanten und zunehmend berühmten Mannes zu gelten - eines Mannes allerdings, der mit dieser wachsenden Selbständigkeit durchaus keine Schwierigkeiten hatte, sondern alles in seinen Kräften Stehende tat, um sie zu fördern. Dass das nicht selbstverständlich, ja damals, um 1960, eher noch die Ausnahme war, blieb mir nicht verborgen, und ich war altmodisch genug, um ihm dafür dankbar zu sein. Es ersparte mir viele grundsätzliche Diskussionen und war, auch wenn der Alltag gelegentlich schwierig blieb, sowohl meiner Emanzipation als auch unserer Gemeinsamkeit förderlich."

Dabei erzählt sie nicht ohne das gelegentliche Augenzwinkern der klugen Ehefrau von der sporadischen Zusammenarbeit mit Walter Jens.  Immerhin, mit über 70 geben sie zusammen noch die hochbeachtete - und sehr lesenswerte - Biographie von Katia Mann heraus.
Weit über das Persönliche hinaus ist das Buch natürlich auch ein Stück Zeitgeschichte, das den Leser viel Interessantes über die gesellschaftspolitischen Geschehen der Nachkriegsjahre bis heute miterleben läßt.

Inge Jens beschließt ihr Buch mit einem langen Kapitel über die Krankheit von Walter Jens, und auch da zeigt sie sich als intelligente, mitfühlende, aber vor allem auch aufrichtige Chronistin.

Das Buch erschien im Jahre 2009, Walter Jens verstarb 2013. Inge Jens ist mit Ende achtzig sporadisch noch immer beruflich engagiert.
Übrigens: Einen schönen Mitschnitt einer Lesung aus ihrem Buch könnt Ihr hier ansehen. Vielleicht erweckt es ja auch Euer Interesse an dieser klugen Frau.