Donnerstag, 17. März 2016

Familiengeschichten ...

Fast ohne mein Zutun sind mir die letzen Wochen zwei Bücher in die Hände gefallen, die ich kaum mehr aus der Hand legen konnte. Beiden gemeinsam ist zufälligerweise, daß es sich um Familiengeschichten handelt, im ersten Fall um eine reale, im zweiten Fall um eine fiktive.
Beide Bücher möchte ich Euch hier kurz vorstellen, weil sie - meiner unwichtigen Meinung nach - lesenswert sind:

Ausgehend von der Erbschaft einer Vitrine voller kostbarer japanischer Netsuken macht sich Edmund de Waal auf die Suche nach der Provenienz dieser Netsuken und damit nach der Geschichte seiner jüdischen Familie, die - einst im 19. Jahrhundert von Odessa kommend - zu den einflußreichsten Bankiersfamilien in Paris und Wien gehörte. Mit unheimlicher Akribie folgt er den Spuren seiner Urgroßeltern, Großeltern und Eltern bis in die heutige Zeit. Das Bestechende dieses Buches ist die Verknüpfung von Zeitgeschehnissen und der Welt der Kunst und Literatur, hatten viele Familienmitglieder doch enge Verbindungen zu den Künstlern ihrer Zeit. Beeindruckend in seiner Intensität auch die chronologische Beschreibung - fast im Stundentakt - des Anschlusses Österreichs durch Hitler und seine direkten Auswirkungen auf den Familienzweig in Wien! Ein berührendes Buch, das u.a. jedem Kunst- und Literaturfreund eine Fundgrube sein kann.


Und nun das zweite Buch: Virginia Woolf! Beim Lesen wurde mir bewußt, daß ich die Geschichte der Familie Pargiter vor vielen Jahren schon einmal gelesen haben muss. Vielleicht als Studentin? Ich weiß es nicht mehr. Woolf erzählt die Geschichte vor allem der Frauen der Familie und umfaßt dabei die Zeitspanne von 1880 bis in die Gegenwart der Autorin um 1930. Sie zeichnet die Lebenswege dieser Frauen nach,  die zwischen totaler Anpassung an den Viktorianismus und dem offenen Ausbrechen aus diesen Mustern variieren. Über den Ersten Weltkrieg hinaus bis zum Aufflackern des aufkommenden Faschismus lernt man die Familienmitglieder vor allem durch die typische Schreibweise Woolfs kennen: durch das unbedingte Eintauchen in die innersten Gedanken- und Gefühlswelten der Figuren. Ein wunderbares Buch.