Samstag, 5. März 2016

Realitäten ...

Vor ein paar Tagen gab es auf Facebook den Aufruf einer NGO, daß am Hafen in Piräus Helfer benötigt werden, um die täglich von den Inseln ankommenden Flüchtlinge zu versorgen.
Da ich an diesem Samstag mal keine Kundentermine hatte, beschlossen mein Mann und ich, uns auf den Weg nach Piräus zu machen und dort unsere Hilfe anzubieten. Als wir am Gate 1 ankamen, herrschte dort schon viel Betriebsamkeit. Es waren vielleicht um die 500 Flüchtlinge vor Ort - wir hatten mehr erwartet, aber die tägliche Überführung vom Hafen in die Aufnahmelager in und bei Athen funktioniert offensichtlich sehr gut. Etwas Chaos herrschte nur an der Sammelstelle für Spenden und der Ausgabestelle an die Flüchtlinge.
Niemand konnte uns so richtig einweisen. Es funktioniert eher nach dem Motto, jeder langt zu, wo Not am Mann ist. Wir mischten uns unter die Helfer, mußten aber bald feststellen, daß es nicht viel zu tun gab, weil einfach schon zu viele Freiwillige dort waren. Im Minutentakt kamen Athener mit Sach- oder Kleiderspenden. Im Minutentakt kamen mittlere Lieferwagen an und brachten Wasser, Brot, Säfte, Sandwiches, Windeln etc. In Windeseile bildeten sich Ketten, die die Waren in das angrenzende Lager transportierten. In all der Unübersichtlichkeit erstaunlich, wie gut das alles funktionierte. Als wir endlich eine "Zuständige" zu fassen bekamen, bat sie uns, doch lieber nach ELLINIKO, zum alten Flughafen von Athen zu fahren, wo sich in den leerstehenden Hallen die richtig großen Warenlager befinden. Dort würde noch so viel Hilfe gebraucht ...
Und tatsächlich, als wir dort ankamen, wurden wir in einer der 3 Lagerhallen, die von drei verschiedenen NGOs betrieben werden, freudig begrüßt und sofort "eingeteilt" - zum Sortieren der Kleiderspenden und zur Annahme der nicht abreißenden Spendenströme. Auch dort kaum ein anderes Bild als in Piräus - nur in so viel größerem Ausmaße: Unmengen an Kleider - und Sachspenden, Medikamenten, Lebensmitteln etc. Inmitten dieses Chaos zählten wir ca. 80 Helfer, die versuchten, dieser Spendenlawine irgendwie Herr zu werden - definitiv zu wenig Freiwillige, weil es zu wenig bekannt ist!  Zusammen mit nur 4 anderen Frauen machte ich mich also daran, Kleidung zu sortieren und in Kisten zu verpacken. Vor der Halle ein beständiges An- und Abfahren
von Lastwagen, die entweder Spenden brachten oder die bereits sortierten abholten zur Verteilung an die Aufnahmelager in ganz Griechenland. Jedes Aufnahmelager kann genauestens "bestellen", was gebraucht wird - z.B. nur Männerschuhe in Größe 43, nur Windeln, nur Babykleidung, nur Wasser etc. Die Lastwagen fahren rund um die Uhr, auch bis ins ferne Idomeni.

Zusammen mit zwei Griechinnen und einer Amerikanerin, die bereits im Sommer einen Monat lang auf Lesbos als Helferin gewirkt hatte, bildeten wir am Ende ein nettesTeam - auch wenn wir den Kleiderberg hinter uns mitnichten abbauen konnten. Ständig kamen Menschen mit weiteren Spenden. So ungefähr fühlt sich Sisyphos-Arbeit an!
Natürlich hatten wir auch mit diversen Imponderabilien zu kämpfen: Die von einer Firma gespendeten Kartons waren so gegen 16 Uhr alle verbraucht, Klebeband war auch nicht mehr aufzutreiben. Und so habe ich mich mit den 4 Frauen der "Kleider-Ecke" für morgen Vormittag wieder verabredet. Auf dem Heimweg sammelten wir noch vor einem Supermarkt Kartons ein und kauften auch ein paar Rollen Klebeband. Morgen findet am Athener Syntagma-Platz eine grosse Sammelaktion statt, deren Erträge im Laufe des Tages in die Lagerhallen am Elliniko zum Sortieren geliefert werden. Ich wage mir nicht vorzustellen, was dort alles morgen ankommen wird! Jedenfalls baten die Zuständigen schon heute jeden darum, morgen wiederzukommen und auch am Montag zwischen 10 und 14 Uhr.
Also, wer immer hier in Athen morgen oder übermorgen etwas Zeit erübrigen kann, es wird jede helfende Hand dringend benötigt!

 Eines ist mir heute klar geworden: Nicht hier, nicht in Deutschland, nirgendwo ist diese Flüchtlingskrise zu bewältigen ohne all die freiwilligen helfenden Hände! DARÜBER sollten die Medien tagtäglich berichten und nicht nur über die Flüchtlingsgegner und die Politiker, die sich in hohlen Phrasen und kruden Drohungen ergehen.
Wie war das noch mit dem Vorschlag, die zahlreichen Helfer auf Lesbos sollten den Friedensnobelpreis verliehen bekommen? ABER NATÜRLICH - wenn nicht sie, wer sonst?