Samstag, 16. April 2016

Der Distelfink

"Der Distelfink" von Donna Tartt. Dieses Buch "verfolgt" mich schon seit einigen Monaten. Irgendwo hatte ich davon gelesen, irgendwann wollte ich es mir kaufen, bekam es jetzt aber von einer Freundin geschenkt. 1022 Seiten in gebundener Form - meine Handgelenke haben wieder sehr gelitten ...

" Es passiert, als Theo Decker dreizehn Jahre alt ist. An dem Tag, an dem er mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, verändert ein schreckliches Unglück sein Leben für immer. Er verliert sie unter tragischen Umständen und bleibt allein und auf sich gestellt zurück ... Mit jedem Jahr, das vergeht, kommt er immer weiter von seinem Weg ab ... "
Dies ein Auszug aus dem Klappentext. Der Roman ist aus der Perspektive des mittlerweile über 30-jährigen Theo geschrieben, der reflektierend auf diese Jahre seines Lebens bis in die Gegenwart zurückblickt. Man hat es in gewissem Sinne mit einem Entwicklungsroman zu tun, in bester Tradition eines "Wilhelm Meister" oder eines "Taugenichts" - wenn man denn literarisch verwegen so hoch greifen wollte.
Zunächst einmal muss ich sagen, daß der Anfang des Romans mich durchaus in seinen Bann gezogen hat. Die Geschichte um den jungen Theo, um die enge Beziehung zu seiner Mutter, das tragische Unglück und seine ersten, zaghaften Schritte in ein neues Leben - all dies ist einfach wunderbar erzählt. Danach jedoch - immerhin schon so ab Seite 250 - ertappte ich mich dabei, immer öfter Sätze zu überspringen, später auch ganze Absätze nur noch zu überfliegen. Beides ist immer ein schlechtes Zeichen: Wenn ich mich nicht mehr interessiere für einzelne Sätze, wenn die Worte keinen "Nachhall" in meinem Kopf hinterlassen, keine Empfindungen in mir auslösen, wenn es keine besonderen Textstellen gibt, über die ich nachdenken kann, dann gestaltet sich die Lektüre zunehmend schwierig. Etwa ab der Hälfte driftet die Erzählung dann ab in eine Art Kriminalroman, das titelgebende, alte holländische Gemälde, Der Distelfink, übernimmt die Hauptrolle ...

Vielleicht ist es auch einfach die Schwere der existenziellen Themen wie Verlust, Trauer, Entwurzelung, Erwachsenwerden, die im Roman "angegangen" werden. In den vielen, oft sehr geschwätzigen und nichtssagenden Dialogen, findet man kaum die nötige Tiefe, die solche Themen fordern würden. Und so bleibt die Erzählung immer etwas an der Oberfläche, man hat fast das Gefühl, da wird viel versucht, aber der Leser wird nicht wirklich gefordert. Auch die Krimihandlung um das verschwundene Gemälde passt im Grunde nicht richtig dazu. Fast möchte man sagen, die Autorin hat viel auf einmal versucht, aber wenig erreicht. Man könnte sich durchaus zwei getrennte Romane vorstellen. Hinzu kommt mein Eindruck, daß dieses Buch in der vorliegenden Form ein paar hundert Seiten weniger gut vertragen hätte. Dennoch gebe ich zu, daß die Autorin wirklich gut schreiben kann - nur wirklich gut erzählen kann sie meiner Meinung nach nicht ...
Das Buch wurde denn auch von der Kritik überaus kontrovers aufgenommen, was aber den zukünftigen Leser auch anspornen kann, sich selbst ein Bild zu machen - sofern er die 1000 Seiten durchhält.

Das Buch stand lange auf der Bestsellerliste. Vielleicht hat es deshalb irgendwann unterbewußt meine Aufmerksamkeit erregt, trotz besseren Wissens, was diese Listen anbelangt. In meinem vorherigen Post habe ich ja noch das Loblied auf "vergessene" Lektüren gesungen - weit ab von aktuellen Bestsellerlisten ...

A propos: Umberto Eco hätte über das Buch wohl gesagt, es gehört zu jenen Büchern, "die im Moment ihres Erscheinens einen enormen Erfolg haben, bei dem aber nicht gesagt ist, daß er sich über die Jahre hin fortsetzt. Da sie sich jedoch gut genug verkaufen, um Autoren, Verlegern und Buchhändlern das Wasser im Munde zusammenlaufen zu lassen, wird aus ihnen der Best-to-sell-Titel generiert, das heißt der eigens für den Massenverkauf angefertigte Titel." (U. Eco, Sämtliche Glossen und Parodien, Was ist ein Bestseller? , S. 576).

Mit diesen Gedanken überlasse ich es euch selbst, ob ihr diese umfangreiche Lesereise denn antreten wollt ...