Samstag, 30. April 2016

Wir kommen nicht auf die Welt, um Antworten zu finden, sondern um Fragen zu stellen. - Robert Seethaler

Dies ist nun das zweite Buch, das ich von dem österreichischen Autor Robert Seethaler gelesen habe. Im direkten Anschluß an den dicken Schmöker "Distelfink", den ich Euch letztens vorgestellt habe, ist das vergleichsweise schmale Büchlein von Seethaler doch wieder der schönste Beweis dafür, daß ein guter Autor keine 1000 Seiten benötigt, um eine Geschichte herausragend erzählen zu können.

1937 kommt der 17-jährige Franz von seinem Dorf am Attersee in das geschäftige Wien und wird Lehrling in einem Tabaktrafik, nicht weit von der Berggasse 19 entfernt, in der Sigmund Freud seine Wohnung und Praxis hat. Franz lernt den betagten Freud kennen, und es entspinnt sich eine zaghafte Freundschaft zwischen dem einfachen Bub vom Land und dem verehrten Professor. Auch die ersten Schritte in der Liebe macht Franz und beherzigt dabei so manchen Rat seines Freundes. All dies trägt sich zu in den Tagen des Anschlusses Österreichs an das Dritte Reich...
Und so begegnet mir in wenigen Wochen schon zum zweiten Mal dieser historische Moment in einem Roman. War es in dem Buch "Der Hase mit den Bernsteinaugen" nur ein kurzes, prägnantes Kapitel, ist dies im "Trafikant" der tragende Hintergrund der Romanhandlung und für die Entwicklung des Protagonisten der entscheidende Moment.
Vom Besitzer des Trafik angehalten, täglich die Zeitungen zu lesen, die dort verkauft werden, taucht Franz auch lesend ein in die Zeitgeschehnisse und reflektiert so das, was ihm selbst in jenen Tagen zustößt:

Eigentlich ist es ja schon merkwürdig, dachte er weiter, wie die Zeitungen ihre ganzen Wahrheiten in großen, dicken Lettern herausposaunen, nur um sie dann gleich in der nächsten Ausgabe wieder kleinzuschreiben, respektive über den Haufen zu werfen. Die Wahrheit der Morgenausgabe ist praktisch die Lüge der Abendausgabe, dachte er, was allerdings für die Erinnerung keine allzu große Rolle spielt. Erinnert wird nämlich meistens sowieso nicht die Wahrheit, sondern nur das, was laut genug herausgebrüllt und eben fett genug abgedruckt wird. Und wenn so ein Erinnerungsrascheln lang genug angedauert hat, dachte er schließlich, wird daraus Geschichte.

Robert Seethaler beschreibt dies alles in einer klaren und unverschnörkelten Sprache. Er hat die schriftstellerische Gabe, die Innenwelt seiner Figuren sprachlich so leichtfüßig, aber eindringlich herauszuarbeiten, daß man das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen kann, was bei mir gestern zu einer langen nächtlichen "Lesereise" geführt hat (mit anschließendem schlechten Schlaf, weil die gelesene Geschichte noch zu lange in meinem Kopf rumorte) ...

Die FAZ schrieb denn auch: "Diese unerklärliche Leichtigkeit des Schreibens ist so wohltuend", und Gerhard Polt urteilte: "Für mich ist Seethaler ein großer Erzähler in der Tradition von Alfred Polgar und Joseph Roth".

Eine unbedingte Lektüreempfehlung!

P.S. Ebenfalls lesenswert "Die weiteren Aussichten". Sein bisher letzter Roman "Ein ganzes Leben" steht bereits auf meiner Wunschliste ...