Samstag, 5. November 2016

Aufschwung in Griechenland - so sieht er aus!

Ein sonniger Samstagvormittag, der mal wieder einlud zum Flanieren durch das Geschäftszentrum meines Athener Stadtteils. Ich liebe dieses ziellose Streunen durch die Straßen und Gassen, in der kleinen Fußgängerzone tummeln sich Straßenmusikanten, man kann in den zahlreichen Straßencafés vielleicht einen Capuccino trinken oder sich ab und zu auf eine der zahlreichen Bänke setzen und das Treiben um sich herum beobachten.

Ziel dieses Flanierens ist eigentlich, einmal nicht an all das Negative zu denken, was uns in Griechenland so beschäftigt. Aber dieses „Nichtdenken“  funktioniert nicht, sieht man doch die vielen geschlossenen Geschäfte um sich herum. Die Geschäftsleute unseres Stadtteils darben nicht erst seit der Krise, auch vorher schon mussten etliche schließen, war doch in unmittelbarer Nähe ein riesiges Einkaufszentrum entstanden, das vielen kleinen Läden in Null Komma Nichts den Garaus machte. Die anschließende Krise ist nun das i-Tüpfelchen auf diesem Drama.  Jetzt, im Zuge der anhaltenden Rezession, schließen noch immer jeden Tag Geschäfte. In der Hauptgeschäftsstraße zählte ich allein auf 150 Metern 9 oder 10 leer stehende Läden. 

In den Seitengassen und der anschließenden kleinen Fußgängerzone hörte ich irgendwann bei 30 auf zu zählen. Wozu auch!? Wir wissen ja auch so, dass es viel zu viele sind. Und jedes dieser geschlossenen Geschäfte erzählt seine eigene Geschichte, sein individuelles Drama. Was mag aus diesen Menschen geworden sein? Wovon leben sie heute? Wieviel Schulden müssen sie abbezahlen? Wieviel Angestellte mussten sie entlassen? Welche Lebensträume sind da den Bach runtergegangen? 
Heute stand ich überrascht vor zwei Läden, die ich besonders mochte. Vor ein paar Wochen gab es sie noch. Man sah durchaus Kunden in diesen Läden, man hatte auf den ersten Blick nie den Eindruck, die Geschäfte würden sehr schlecht gehen – ein Trugschluss, wie ich so oft in den letzten Jahren dieser Krise feststellen musste! Nichts ist mehr so wie es scheint. Und natürlich hat kein Außenstehender Einblick hinter die lächelnde Fassade. In einem der beiden Läden (ein wunderschöner Geschenkeladen mit ausgesuchtem heimischen Kunsthandwerk aller Art) lagen noch Regale am Boden verstreut, etwas Restware stand achtlos noch in offenen Kisten herum. Es kann wohl erst ein paar Tage her sein, dass hier der endgültige Schlussstrich gezogen wurde . „Zu vermieten“ stand da in schreienden Lettern an der Tür …


All dies sind Gedanken, die den Ablenkung  suchenden Flaneur dann derart beschäftigen, dass so ein Spaziergang am Ende doch wieder Traurigkeit und Nachdenklichkeit erzeugt. Denn nichts wird für uns hier je wieder so werden wie es vorher war. Geschäfte schließen, eröffnen neu, schließen, eröffnen wieder neu etc. Ein Teufelskreis, der einen Rattenschwanz an verschuldeten Menschen zurücklässt und das eigentliche Problem, den fehlenden Aufschwung, natürlich nicht lösen kann, denn dazu bräuchte es erstmal wieder eine kaufkräftige Kundschaft, die nicht nur selbst Arbeit hat, sondern auch eine menschenwürdige Bezahlung für diese Arbeit erhält, um mit diesem Geld die Wirtschaft wieder ankurbeln zu können! 

Die griechische Regierung und die EU-Partner beschwören indessen, dass der Aufschwung bereits da ist ... seltsam nur, daß wir ihn so gar nicht sehen können.