Dienstag, 31. Januar 2017

Aus dem Buch der Unruhe ...

Alles auf der Tafel von einem Tag zum anderen auslöschen, neu sein mit jedem 
anbrechenden Morgen, in einem ständigen Wiederaufleben unserer emotionalen 
Jungfräulichkeit, das, allein das lohnt die Mühe, zu sein oder zu haben, um zu sein 
oder zu haben, was wir auf unvollkommene Weise sind.
(Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe)


Das neue Jahr ist noch ganz frisch, und kaum, dass man es bemerkt, ist schon wieder ein Monat iins Land gegangen. Viel zu wenig schreibe ich seit einiger Zeit in meinem Blog. Viel zu wenig über unser Leben hier in Griechenland, viel zu wenig über all die Bücher, die ich nach wie vor lese.

Manchmal beschäftigen uns jedoch die Dinge um uns herum viel zu sehr, als daß man die nötige Ruhe findet, seine Gedanken in Worte zu fassen. 

Ich "blättere" zurück, lese die wenigen Beiträge des vergangenen Jahres hier und stelle fest, daß sich nicht viel geändert hat. Nicht in meinem Dasein, nicht in der Welt um mich herum. Was mein Leben anbetrifft, greift der schöne Satz "no news are good news". Froh sein, daß es nicht noch schlimmer gekommen ist bisher. Froh sein, daß es meinen Liebsten gut geht. Froh sein, daß man weiterleben durfte. Froh sein, daß man das vergangene Jahr recht und schlecht überstanden hat. Viel mehr zu erhoffen - auch für dieses Jahr - wäre vermessen.

Politik und Gesellschaft haben sich nicht zum Besseren gewandelt. Eher im Gegenteil. In Griechenland herrscht die Krise nach wie vor, bessere Tage sind nicht in Sicht. Amerika hat sich einen Trump als Präsidenten erwählt. Deutschland stellt sich auf den Wahlkampf ein und schert sich dabei einen Dreck um die Menschen im Süden von Europa. Menschen aus entfernteren Ländern flüchten weiterhin vor Hunger, vor Krieg, vor Aussichtslosigkeit. Und die westliche Welt schottet sich mehr und mehr ab. Zäune werden hochgezogen, bedenkliches Gedankengut, schreckliches Vokabular steigt wieder aus längst überwunden geglaubten Tiefen empor. Die Welt scheint aus den Fugen und läßt nichts Gutes erwarten.

Ist es da ein Wunder, wenn ich die Worte von Fernando Pessoa lese und mir auch manchmal wünsche, jeder neue Tag könnte ein neuer Beginn sein? Alles zurück auf Null setzen und von vorne beginnen können ... 
Sein zu dürfen, "was wir auf unvollkommene Weise sind" - jeden Tag aufs Neue. Doch nicht einmal das ist uns erlaubt. Zu sehr werden wir in den Sog der Welt um uns herum hineingezogen. Ein täglicher Neubeginn ist uns allen nicht vergönnt im Leben ...